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Telefónica-Deutschland: „Wären bereit, 5G an jeder Milchkanne anzubieten“

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Telefónica musste kürzlich in den Krisenmodus schalten. Mehrere Stunden lang war im Netz von O2 die Sprachtelefonie gestört. Für Telefónica-Deutschland-Chef Markus Haas kommt der Ausfall ungelegen. In der kommenden Woche muss er vor dem Beirat der Bundesnetzagentur darlegen, wie viele Lücken sein Netz noch aufweist – und ob er die Ausbauziele erreicht, zu denen er sich verpflichtet hat.

WELT AM SONNTAG: Herr Haas, Hand aufs Herz: Würden Sie es wagen, dieses Interview aus einem fahrenden Zug heraus über Ihr Smartphone zu führen?

Markus Haas: Telefonisch? Zweifelsohne. Übers Datennetz auch auf den Hauptstrecken, beispielsweise zwischen München und Frankfurt oder auch nach Berlin. Da haben wir eine solide Netzqualität im Zug. Bei den Regionalbahnen wäre ich vorsichtiger. Da sind wir als Branche noch nicht da, wo wir sein wollen.

WELT AM SONNTAG: In gut einem Monat geht das Jahr zu Ende und damit auch die Frist für die Ausbauziele für die Mobilfunknetze, die von der Bundesnetzagentur vorgegeben wurden. Im Sommer hieß es in einem Papier der Behörde, dass Telefónica im Branchenvergleich erneut Nachzügler ist.

Haas: Wir schaffen die Ziele. Die Daten dafür haben wir in der vergangenen Woche bei der Netzagentur eingereicht. Wir sind bei den Geschwindigkeiten von 100 Megabit pro Sekunde in den Bundesländern auf der Zielgeraden. Die 5G-Ausbauauflage im letzten verbliebenen Bundesland haben wir vergangene Woche erfüllt.

WELT AM SONNTAG: Wann wird das letzte Funkloch in Deutschland geschlossen?

Haas: Wir wollen Ende 2024 eine vollständige Flächenabdeckung haben. Da hilft auch der gemeinsame Ausbau mit unseren Wettbewerbern. In den großen weißen Flecken gewähren wir uns untereinander Zugang zu den Mobilfunkmasten.

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WELT AM SONNTAG: Wie steht es um die Widerstandskraft der Netze in Deutschland? Sie hatten gerade einen größeren Ausfall.

Haas: Die Netze sind sehr widerstandsfähig und auch sicher. Wir investieren hier sehr viel Geld dafür, sowohl in die Cybersicherheit als auch in die physische Sicherheit. Über den Ausfall habe ich mich sehr geärgert. Beim Legen einer stärkeren Stromleitung kam es zu einer Kettenreaktion. Das sollte nicht passieren. Wir analysieren das genau. Aber so etwas passiert zum Glück extrem selten. Unser letzter größerer Ausfall liegt acht Jahre zurück.

WELT AM SONNTAG: Sie haben in Ihrem Netz – wie auch Ihre Konkurrenten – immer noch viel Technik des chinesischen Ausrüsters Huawei verbaut. Kritiker sehen darin ein Sicherheitsrisiko.

Haas: Kritische Komponenten müssen vom Bundesamt für die Sicherheit in der Informationstechnik zertifiziert werden. Es ist aber noch kein Netzausrüster durch den gesamten Prozess gelaufen, der offen und transparent ist. Wir erwarten, dass alle Hersteller diese Kriterien erfüllen. Am Ende ist dies auch eine politische Entscheidung.

WELT AM SONNTAG: Warum verzichten Sie nicht einfach auf Huawei?

Haas: Aus technischer Sicht gibt es dafür überhaupt keinen Grund, weil es keine Hinweise auf Sicherheitsmängel gibt. Wir müssen unsere Entscheidungen auf der Basis von Fakten treffen.

WELT AM SONNTAG: Die Befürchtung steigt, dass unsere Stromnetze im Winter instabil werden. Sind Sie für einen Stromausfall gerüstet?

Haas: An den Knotenpunkten unserer Netze haben wir immer eine Absicherung gegen Stromausfall, meistens Dieselaggregate. Aber unsere Nutzung ist sehr dezentral. Wir haben 20 solcher Knotenpunkte und rund 30.000 Antennenstandorte. Wir gehen nicht von einem großflächigen Stromausfall aus. Trotzdem prüfen wir, wie wir noch mehr Energie sparen können. Wir sehen uns beispielsweise an, ob wir nachts, wenn die Netzlast 95 Prozent geringer ist, alle Frequenzbänder komplett laufen lassen müssen. Das diskutieren wir derzeit mit der Bundesnetzagentur. Wir sehen hier ein Energieeinsparpotenzial von bis zu 25 Prozent.

WELT AM SONNTAG: Dann wird nachts das mobile Internet langsamer?

Haas: Der Kunde wird davon nichts merken. Die verfügbare Geschwindigkeit teilt sich nachts auf viel weniger Kunden auf. Aber es geht nicht nur um die Geschwindigkeit, sondern auch um die Kapazität. Wenn auf dem Marienplatz in München nachts nur zwei Menschen surfen, könnte ein Teil der Antennen in den Standby-Modus gehen, um Strom zu sparen. Steigt der Bedarf, könnte die Leistung automatisch wieder hochgefahren werden.

WELT AM SONNTAG: Sie haben in der Vergangenheit immer wieder geklagt, dass wegen teurer Frequenzauktionen zu wenig Geld für den Netzausbau zur Verfügung stehe. Die Monopolkommission sieht hier allerdings keinen Zusammenhang. Wollen Sie vielleicht doch nur billig an die Frequenzen kommen?

Haas: Wenn wir uns das auf europäischer Ebene ansehen, steht fest: Die Länder mit den geringsten Frequenzkosten haben mit Abstand die beste Netzqualität. Sehen Sie sich Schweden, Norwegen, Finnland oder die Schweiz an. Und in diesen Ländern gibt es die gleiche Wettbewerbsintensität wie in Deutschland. Die Schlussfolgerung der Monopolkommission teilen wir nicht. In Deutschland hat die Bundesnetzagentur selbst bei Knappheit auch gesetzlich die Möglichkeit, Frequenzrechte zu verlängern statt zu versteigern. Das ist der bessere Weg.

WELT AM SONNTAG: Was würden Sie im Gegenzug dafür anbieten?

Haas: Wir wären bereit, 5G an der Milchkanne anzubieten, also wirklich flächendeckend jede Station mit 5G aufzurüsten und überall verfügbar zu haben. Das ist unser Angebot.

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WELT AM SONNTAG: Warum sollte man sich nach den bisherigen Erfahrungen mit Funklöchern in Deutschland darauf einlassen?

Haas: Die Gründe dafür waren teure Frequenzversteigerungen und sehr lange Genehmigungsfristen für Antennenstandorte. Wenn das gelöst wird, sind wir in der Lage, schnell auszubauen. Und wer diese Auflagen nicht erfüllt, muss mit Strafen rechnen. Dieser Dreiklang würde dazu führen, dass das auch klappt.

WELT AM SONNTAG: Schon bald steht die nächste Versteigerung an, bei der auch 1&1 als vierter Netzanbieter dabei ist. Was erwarten Sie?

Haas: Man sollte berücksichtigen, dass die jetzt genutzten Frequenzen der Packesel sind, auf dem das Gros der Datendienste für 82 Millionen Menschen in Deutschland geliefert werden. Wir bräuchten eigentlich schon heute mehr Frequenzen. Wenn ich einen Kuchen, der heute schon zu klein für drei Anbieter ist, dann durch vier teile und parallel den Anbietern über eine Auktion Investitionsmittel entziehe, wird es für alle Nutzer schlechter. Mindestens einer der Netzbetreiber wäre dann nicht mehr in der Lage, die bestehende Versorgung für Millionen Menschen vollständig aufrechtzuerhalten.

WELT AM SONNTAG: Was schließen Sie daraus?

Haas: Der Kuchen muss größer werden. Wir brauchen weitere Frequenzen, zum Beispiel bei 600 Megahertz.

WELT AM SONNTAG: Diese Frequenzen werden vom Rundfunk und für die drahtlose Mikrofon-Übertragung bei Kulturveranstaltungen genutzt. Da machen Sie sich überhaupt keine Freunde.

Haas: Wir haben genau das schon mit den Frequenzen im 700- und 800-Megahertz-Bereich umgesetzt. Hätten wir damals auf die Rundfunkanbieter gehört, würden wir heute weiter in der Steinzeit des Mobilfunks leben. Über diese Frequenzen empfangen heute Nutzer in ländlichen Regionen ihr mobiles Internet. Die mobile Internetnutzung geht deutlich nach oben. Man kann über diese Frequenzen auch Rundfunk über 5G ausstrahlen, sogar deutlich mehr Sender, als es heute über das Antennenfernsehen möglich ist. Die Zahl der Zuschauer über den aktuellen Antennenstandard DVBT2 sinkt jedes Jahr und liegt im einstelligen Prozentbereich. In einem harmonisierten Nutzungskonzept könnte jeder Nutzer diese Dienste auf dem Tablet und über Mobilfunk empfangen.

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WELT AM SONNTAG: 1&1 baut derzeit ein eigenes Mobilfunknetz. Der Anbieter hat heute schon mehr als elf Millionen Kunden, für die er zu einem großen Teil das Telefónica-Netz mietet. Diese Kunden werden in den kommenden Jahren auf das neue Netz umziehen. Wie schmerzhaft wird das für Sie?

Haas: Wir gehen davon aus, dass wir durch diese Entwicklung mit dem Partner nicht mehr wie zuletzt wachsen werden. Zugleich rechnen wir aber mit einer Vervierfachung der Verkehre in unserem Netz bis 2030 und zwar insbesondere auch in den Gebieten, in denen 1&1 vorerst kein eigenes Netz bieten wird. Hier nutzen die 1&1-Kunden durch ein National Roaming-Abkommen unser Netz. Das kompensiert die Effekte. Auf mittlere Sicht wird es also einen stabilen Deckungsbeitrag geben.

WELT AM SONNTAG: Das klingt aber nicht nach einer Vision für mehr Wachstum. Warum kaufen Sie nicht einfach 1&1?

Haas: Wir stellen uns dem Wettbewerb. Deswegen steht das nicht auf der Tagesordnung. So lange der Markt Wachstumschancen für alle bietet, stellen sich solche Fragen nicht.

WELT AM SONNTAG: Können Nutzer in Zukunft mit fallenden Preisen im Mobilfunk rechnen?

Haas: Es wird weiterhin mehr Leistung geben und die Preise werden sich damit eher nach oben orientieren. Nicht zuletzt, weil wir mehr für die Leistungsfortschritte investieren müssen. Eine platte Preiserhöhung ohne mehr Leistung sehe ich im Mobilfunk aber nicht.

WELT AM SONNTAG: Neue Konkurrenz kommt inzwischen auch von oben. Es gibt mehrere Projekte, bei denen Satelliten mit Smartphones kommunizieren sollen. Bekommen Sie es mit der Angst zu tun?

Haas: In Gebieten, die nicht versorgt sind oder sich wirtschaftlich kaum versorgen lassen, können Satelliten dabei helfen, alle Menschen mit mobilen Daten zu bedienen. Der afrikanische Kontinent ist ein Beispiel dafür. Dort sind Satelliten eine gute Ergänzung. Aber es gibt Grenzen bei der Datengeschwindigkeit, der Reaktionszeit und der Kapazität. In Deutschland sehen wir eher eine Entwicklung, dass man hier eine steigende Leistung erwartet.

WELT AM SONNTAG: Seit mehr als zehn Jahren wollen die Telekommunikationsfirmen Tech-Riesen wie Google, Netflix und Meta an den Kosten des Netzausbaus beteiligen. Jetzt versucht man zusammen mit der EU-Kommission einen erneuten Vorstoß. Warum sollte der Erfolg haben?

Haas: Rund 60 Prozent der Daten, die wir in den Mobilfunknetzen transportieren, haben nicht ihren Ursprung in Europa. Wir partizipieren in Europa nicht an dieser Wertschöpfung. Gleichzeitig müssen wir aber jährlich niedrige dreistellige Millionenbeträge in unser Netz investieren, um die zusätzlichen Kapazitäten zu schaffen, die wir dafür brauchen. Wir können das aber nicht monetarisieren, weil wir die Kosten dafür nicht an unsere Nutzer weitergeben. Wenn wir in Europa gute Netze und günstige Mobilfunkpreise haben wollen, brauchen wir diese faire Diskussion. Wir setzen uns für eine Verhandlungslösung ein.

WELT AM SONNTAG: Für eine Verhandlungslösung braucht es zwei Parteien. Verhandelt man mit Ihnen überhaupt?

Haas: Der europäische Markt ist für die genannten Unternehmen der wichtigste Markt außerhalb der USA, weil hier auch die Kaufkraft sitzt. Und er wird immer wichtiger, weil die Welt an vielen Ecken kleiner wird und diese Dienste in vielen Teilen der Welt keinen Zugang mehr haben oder ihn nach und nach verlieren.

WELT AM SONNTAG: Es gibt viele Kritiker dieses Vorstoßes, darunter auch das europäische Gremium der Telekomregulierungsbehörde BEREC und den Chaos Computer Club. Sie alle befürchten ein Ende der Netzneutralität.

Haas: Es gibt kontroverse Meinungen. Am Ende des Tages müssen wir sicherstellen, dass wir in Europa die bestmögliche Infrastruktur haben und damit Digitalisierung als Sprungbrett nutzen für Gesellschaft und Wirtschaft. Das muss Hauptanliegen der Politik sein. Gerade wir in Europa setzen mit unserer Regulatorik als Kontinent die Regeln zur Netzneutralität am konsequentesten um. Europa hat hochattraktive Inhalte aus Sport, Wissenschaft, Kultur und vielem mehr sowie einen international anerkannten Wertekodex. Das sind Vorteile, die es für Verbraucher und Wirtschaft in der Zukunft noch besser zu nutzen gilt.

Als Volljurist kam Markus Haas 1998 zu Viag Interkom, einem Neustarter in der Telekom-Branche. Daraus wurde später O2 und dann Telefónica. Die Marke O2 hat Telefónica weitergeführt. Haas ist 50 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Töchter. Er lebt in München, wo er auch geboren wurde und an der Ludwig-Maximilians-Universität Jura studierte. Später verbrachte er ein Jahr in Großbritannien an der Oxford Leadership Academy. Zuvor hatte er am Executive Development Program der University of Oxford teilgenommen.

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