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China-Expertin im Interview: „Lieferketten zerbrechen nicht wegen zwei Jahren Null-Covid-Strategie““

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Es gibt Investoren und Fonds, die zum Rückzug aus China blasen. Andere wittern trotz des politischen Kurses in Peking weiterhin Wachstumschancen. Was also ist von Geldanlagen in China zu halten? „Die Risiken sind sehr dominant“, räumt die Investmentberaterin Meng Si von BNFP Capital gegenüber ntv.de ein. „China ist keine Demokratie und keine Marktwirtschaft“, so die China-Expertin. Auch die Null-Covid-Strategie hiner lässt Bremsspuren in der Wirtschaft. Abschreiben könnten die Weltgemeinschaft und die Finanz-Community die „Lieferkettenübermacht“ aber deshalb noch lange nicht. Unabbhängig von China zu werden, könnte „Jahre oder Jahrzehnte“ dauern.

ntv.de: Schwellenländer-ETFs sind eine beliebte Beimischung in den Depots von Anlegern und Anlegerinnen. Sie beraten professionelle Investoren bei Geldanlagen in China-Fonds. Wie groß ist der Markt und ist es überhaupt noch sinnvoll, in China zu investieren?

Meng Si: Wenn man sich den Aktienindex MSCI World anschaut, der rund 1600 Aktien aus 23 Industrieländern abbildet, ist der chinesische Markt nicht sehr groß, es ist eher ein Nischenmarkt. Aber unter den Schwellenländern, die unter dem Begriff BRIC laufen, ist China das Land mit dem größten Gewicht. In bestimmten Sektoren gibt es langfristig immer noch gute Perspektiven.

Null-Covid-Strategie, Regulierung der Tech-Unternehmen im Land und Überalterung der Gesellschaft – das alles wirkt doch eher wie eine riskante Wette. Hat die Konjunktur-Lok der Welt nicht ihren Peak überschritten?

Die Risiken sind in der Tat sehr dominant. Geopolitische, makroökonomische und Liquiditätsfaktoren sprechen gegen ein Investment in China. Man sollte sich als erstes fragen, was man will: langfristig oder kurzfristig investieren? Wer zocken will, sollte abwarten und den Markt beobachten. Es gibt aber strukturelle Faktoren, die durchaus für ein langfristiges Investment sprechen: Da sind die Lieferketten und die Wettbewerbsfähigkeit von chinesischen Unternehmen. Die Volksrepublik ist der wichtigste Handelspartner der größten Volkswirtschaften der Welt. China steht für ein Sechstel des Welthandels und ein Drittel der globalen Produktion. Die Lieferketten, die 40 Jahre lang mit Fleiß – zugegebenermaßen auch mit Raubbau an Umwelt und durch schlechte Arbeitsbedingungen – mühsam aufgebaut wurden, lösen sich nicht von einem Tag auf den anderen in Luft auf. Sie zerbrechen nicht wegen zwei Jahren Null-Covid-Strategie.

Dass Peking Tech-Unternehmen wie Alibaba oder Tencent zurechtstutzt und den Wohlstand umverteilen will, spielt keine Rolle?

Dass China nach westlicher Definition keine Demokratie ist, ist nicht neu. Wir hatten es schon vor der Pandemie mit einer gelenkten Industriepolitik durch die Kommunistische Partei zu tun. Peking hat mit seiner Regulierung im Tech-Bereich ein Blutbad an der Börse angerichtet, das ist richtig. Aber wir haben das zuletzt auch weltweit gesehen. Das hat wenig mit Peking, sondern mit Zinsen, Liquidität, wirtschaftlicher Entwicklung und der Pandemie zu tun. Auch Umverteilungsparolen kennen wir im Westen. Die Unternehmen in China werden nicht kaputt gemacht. Die Industrie wird aber anders gelenkt. Es geht auch nicht um Alibaba oder Tencent. Die hatten ihre Zeit. Vor 20 Jahren war Nokia ein Superinvestment, heute ist es das nicht mehr.

Trotzdem weht ein neuer Wind in China …

Neu ist seit dem 20. Parteitag im Oktober, dass der bisherige Eindruck gefestigt wird, dass Chinas Regierung ein Geisterfahrer mit ihrer Null-Covid-Strategie ist. Peking steuert seit Frühjahr 2022 mit Lockdowns in Shanghai einen Kurs gegen den Rest der Welt. Dafür zahlt die chinesische Wirtschaft auch den Preis.

Kritiker fordern zum Rückzug der Wirtschaft aus China auf. Welche Investments wären denn dann perspektivisch noch interessant?

Bei allen Bedenken müssen wir uns doch eingestehen, dass China im Lieferketten-Management noch auf sehr lange Zeit ein Schwergewicht bleiben wird. Auch wenn es jetzt heißt, Unternehmen müssten ihre Produktion schnell diversifizieren. Wir haben geschlafen und sind dadurch in eine gefährliche Abhängigkeit geraten. Die Uhr lässt sich nicht so leicht zurückdrehen. Woher stammen denn die Solarpanele für die Energiewende, um Deutschland unabhängiger von Russland zu machen? Die werden in China produziert! Auch unsere Konsumgüter kommen immer noch von dort. Apple ist ziemlich unglücklich darüber, dass die Fabrik seines wichtigen Zulieferers Foxconn nicht mehr die Produktionsziele erreicht, weil sie im Lockdown ist. Die Lieferketten sind verzahnt, auch wenn es uns nicht gefällt. Die Abhängigkeit von China werden wir nicht von heute auf morgen loswerden. Wir sprechen von Jahren oder Jahrzehnten.

Wie bewerten Sie denn, dass Apple wegen des Lockdowns bei Foxconn in China eine Fabrik in den USA aufziehen will?

Wo ist da der Unterschied? Mit wem will Apple denn eine Fabrik aufziehen? Das ist doch der gleiche Partner, Hon Hai Precision Industry. Das ist das multinationale Unternehmen mit Stammsitz in Taiwan, das in Festland-China unter dem Namen Foxconn Technology Group auftritt. Auch wenn der Produktionsstandort verlegt wird, bleibt es derselbe Unternehmer. Unternehmen wie Hon Hai bauen nicht nur eine Fabrik auf, sondern ziehen eine gesamte Zulieferkette mit auf. Solche Vorhaben sind groß angelegt und zeitaufwendig. Chinas Lieferkettenübermacht existiert seit Jahrzehnten. Dieser Vorsprung bleibt bestehen, bis die Handelspartner Länder gefunden haben, die das packen, was China liefert.

Wir haben zuletzt eine Börsen-Rally in China gesehen. Wie ordnen Sie die ein?

In China haben wir eine Marktbesonderheit: Der Anleihemarkt ist komplett dominiert von den Institutionellen, die Privatanleger spielen überhaupt keine Rolle. Umgekehrt ist der Aktienmarkt dominiert von Kleinaktionären. In China gibt es 200 Millionen Privatanleger, die für einen Großteil der Transaktionsvolumina verantwortlich sind. Das Problem ist: Sie sind sehr kurzfristig orientiert und durch Gerüchte sehr leicht beeinflussbar. Wenn wir eine Mini-Rally sehen, ist sie in der Regel ausgelöst durch irgendein Marktgerücht. Zu den üblichen Verdächtigen gehört natürlich, dass die Null-Covid-Strategie gelockert wird. Jeder in China leidet darunter, auch die Privatanleger.

Das löst dann also schnell auch Strohfeuer aus?

Der chinesische Finanzmarkt ist sehr jung, nicht reif und gesetzt. Er wurde erst Anfang der 90er-Jahre wiedereröffnet. Wir haben es auch nicht mit reifen und gut informierten Anlegern zu tun. Wenn man über Aktienbeimischungen oder Investmentperspektiven spricht, sollte man auf jeden Fall auf die langfristigen Faktoren schauen. Wenn man denkt, dass diese all die Risiken überwiegen, kann man investieren.

Das hört sich so an, als könnte dieser Markt auch nicht sehr alt werden …

Ich hoffe sehr, dass es ein Markt ist, der sich weiterentwickelt. Weil es nicht nur für die Investmentgemeinde schade wäre, wenn der chinesische Aktienmarkt verloren ginge. Auch für die Weltgemeinschaft wäre das schlecht, weil die globale Wirtschaft mit China eben sehr verzahnt ist. Ob unsere Strategie „Wandel durch Handel“ mit allen, auch bösen Regimen am Ende die richtige gewesen ist, weiß ich nicht. Mit Putins Russland haben wir einen Fehler gemacht. Ich möchte nicht dran denken, dass die Handelspolitik mit China ebenfalls ein Fehler gewesen sein könnte. Das wäre bitter.

Was stimmt Sie optimistisch, dass es nicht so kommt?

Was mich zuversichtlich stimmt, ist, dass China nicht auf Ressourcen sitzt. China ist selbst abhängig von Ressourcen und Knowhow-Transfer. Um Öl oder Gas zu verkaufen, brauchen sie nur Pipelines. Lieferketten-Management ist komplexer. Es erfordert mehr Wissen, Erfahrung und Manpower. China kann es sich nicht leisten, sich von der Weltgemeinschaft zu verabschieden oder Kunden zu vergraulen.

Es gibt Investoren, die es für unmoralisch halten, in China zu investieren. Was antworten Sie darauf?

Professionelle Anleger lassen sich bei ihren Entscheidungen weniger von eigenen Vorlieben beeinflussen. Individuelle Investoren leisten sich da mehr Freiheiten. Diese Unterschiede in der Anleger-Mentalität sind nicht ungewöhnlich. Schauen Sie, wenn wir Aktien von VW oder anderen großen deutschen Unternehmen mit langer Geschichte kaufen, diskutieren wir dann auch immer die Nazi-Vergangenheit oder meiden sogar deshalb diese Unternehmen? Wenn wir moralisch über allem erhaben sein wollen, sollten wir noch Auto fahren, wenn wir doch wissen, dass Saudi-Arabien zu den größten Öllieferanten gehört? Saudi-Arabien hat nach Überzeugung von US-Geheimdiensten den kritischen Journalisten Khashoggi auf brutalste Weise im Konsulat in Istanbul ermordet. Dennoch soll der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman von Washington geschützt werden. Ich frage Sie: Dürfen wir noch US-Aktien kaufen?

Wagen Sie einen Ausblick aufs nächste Jahr?

Ein Bullenmarkt entsteht immer in Zeiten des größten Pessimismus. Angesichts der Weltuntergangsstimmung kann man sich jetzt doch fragen, was noch passieren soll? Ich würde deshalb sagen, dass Optimismus angesagt ist.

Mit Meng Si sprach Diana Dittmer

Lesen Sie hier den vollständigen Artikel.
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