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Sicheres Internet aus dem All: der Anti-Musk-Plan der EU

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Europa soll nach dem Navigationssatellitennetz Galileo und den Copernicus-Erdbeobachtungssatelliten nun auch ein supersicheres Kommunikationsnetz aus dem All bekommen. Erste Dienste sollen 2024 funktionieren. 2027 soll das Netz für Regierungen, Wirtschaft und Bevölkerung fertig ausgebaut sein, teilt die EU mit. Das Projekt mit dem Namen IRIS² gehört zu den Schlüsselentscheidungen, die in dieser Woche beim Ministertreffen der Europäischen Weltraumorganisation ESA in Paris auf dem Tisch liegen.

Der Chef der deutschen Raumfahrtagentur und Vorstand des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), Walther Pelzer, spricht vom „wahrscheinlich schwierigsten Ministertreffen seit Jahrzehnten“. Er verweist auf den Krieg in Europa, die hohe Inflation und steigende Energiepreise. Dennoch sei es wichtig, „in die Raumfahrt zu investieren“, als einer der am stärksten wachsenden Wirtschaftssektoren.

Die im Dreijahresrhythmus stattfindende ESA-Ministerratskonferenz ist das Schlüsseltreffen, wie es mit Europas Raumfahrt weitergeht. Zu der Konferenz am 22. und 23. November mit Vertretern von 22 Mitgliedstaaten werden auch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck und die Koordinatorin für die Deutsche Luft- und Raumfahrt, Anna Christmann, anreisen.

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Das Treffen ist nicht frei von Spannungen. Es geht um Raketen, Satelliten und internationale Projekte. Von den Entscheidungen hängt die Zukunft vieler Raumfahrtfirmen ab. Dabei strebt die ESA mehr Kommerzialisierung an. Daneben geht es auch um die Frage, wer Europas Raumfahrtkurs bestimmt: die politisch geprägte EU-Kommission oder die ESA mit ihrem Raumfahrt-Know-how.

So überraschte die Ankündigung von EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton über das IRIS²-Projekt (Infrastructure for Resilience, Interconnection and Security by Satellites) kurz vor dem ESA-Treffen. Planungen für das auf sechs Milliarden Euro veranschlagte Vorhaben gab es zwar schon vor dem Krieg in der Ukraine.

Doch jetzt sieht sich die Politik und Branche unter Zugzwang und erkennt die strategische Bedeutung sicherer Netze aus dem All. So ermöglichte der US-Milliardär Elon Musk mit seinem Starlink-Satellitennetz dem ukrainischen Militär und der Bevölkerung Internet-Zugang.

Knackpunkt Finanzierung

In der Branche wird nunmehr kritisch hinterfragt, wie das europäische Projekt finanziert werden soll. Womöglich komme es zudem ein Jahrzehnt zu spät und werde von der Brüsseler Bürokratie mit nationalen Interessen bestimmt, heißt es bei Kritikern.

Von sechs Milliarden Euro Gesamtkosten will die EU angeblich 2,4 Milliarden Euro übernehmen. Die ESA-Staaten sollen 750 Millionen Euro beisteuern und der Rest soll aus dem Privatsektor kommen. Allerdings gibt es bereits ein Projekt für ein Satellitennetz für Regierungen und Militärs (Govsatcom).

Im Vorfeld der ESA-Tagung wagten weder der Chef der deutschen Raumfahrtagentur im DLR, Walther Pelzer, noch der Chef von Frankreichs Raumfahrtagentur CNES, Philippe Baptiste, eine konkrete Aussage zur Finanzierung der neuen hochsicheren Satellitenflotte.

Die Vorsitzenden der nationalen Raumfahrtagenturen betonten aber in einem WELT-Gespräch die Bedeutung des unabhängigen Zugangs zum Weltraum für Europa. Sei es über Raketen, wie die Ariane 6, aber auch über Satelliten.

Bedeutend sei auch ein sicherer Internet-Zugang. Pelzer sagte mit Blick auf die Konsequenzen aus dem Ukraine-Krieg: „Wichtig ist, dass wir für die sichere, staatliche Kommunikation unsere eigene Konstellation weiterentwickeln.“

Zwischen Deutschland und Frankreich gebe es bereits eine gute Zusammenarbeit in der Raumfahrt. „Das gilt auch für den Bereich Raumfahrt-Sicherheit“, so Pelzer mit dem Hinweis auf das EU-Projekt SST (Space Surveillance and Tracking) in der Weltraumüberwachung.

Satelliteninternet – „auch für BMW oder für Renault“

Der französische CNES-Chef Baptiste gibt zu bedenken, dass Europa im Digital-Bereich bislang schwach aufgestellt ist. „Wir haben keine großen Digital-Champions und sind in diesem Bereich nicht genug eigenständig.“ Die neue Konstellation sei daher ein Weg, um die Souveränität und Unabhängigkeit zu erhöhen.

Der CNES-Chef verwies auch auf die Wirtschaft: „Wir brauchen das nicht nur für die Sicherheit, sondern auch für BMW oder für Renault.“ Offensichtlich spielte Baptiste darauf an, dass Tesla-Fahrzeuge neue Software über Satelliten von Elon Musk aufgespielt wird.

In der Branche wird mit Spannung erwartet, wie junge Raumfahrtunternehmen von dem IRIS²-Projekt und dem weiteren ESA-Kurs profitieren. Pelzer befürwortet den sogenannten New Space-Ansatz mit mehr Wettbewerb. Er gibt aber zu bedenken, dass der Markt für kleine Raketen nur etwa 20 Prozent des Gesamtvolumens ausmacht.

„Oberste Priorität bei der ESA-Ministerratskonferenz im Bereich schwerer Trägerraketen ist der Premierenflug der Ariane 6“, sagt Pelzer. Jüngst hatte die ESA verkündet, dass sich der Flug auf Ende 2023 verzögert. CNES-Chef Baptiste geht davon aus, dass von den weltweit rund 250 Projekten für neue Kleinraketen in Europa vielleicht zwei oder drei letztlich überleben.

Deutschland und Frankreich sind die Hauptfinanziers der ESA. Diesmal soll das Gesamtbudget um 30 Prozent auf 18,5 Milliarden Euro klettern. Berlin stand mit insgesamt 3,3 Milliarden Euro in den vergangenen drei Jahren auf Platz eins. Doch Deutschland dürfte diesmal nur 2,8 Milliarden Euro beisteuern und auf den zweiten Platz fallen und Frankreich die Führung übernehmen. Die genauen Budgets werden erst in Paris ausgehandelt.

Für Pelzer vom DLR ist ein Wettlauf um Platz eins oder zwei „völliger Unsinn: Das Einzige worauf wir zusteuern, ist, ob wir in der Lage sind, wichtige Missionen umzusetzen.“

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