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Diese Vertical-Farming-Schränke könnten die Gastronomie verändern

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„Mein Kopf ist dreigeteilt“, sagt Ema Simurda. „Da gibt es mich, Ema, privat und da gibt es Good Bank und Farmie.“ Sie verschränkt die Finger auf dem zugeklappten MacBook vor sich, lächelt ein entspanntes, lippenstiftrotes Lächeln und strahlt Klarheit aus. Es falle ihr nicht schwer, trotz Dreiteilung den Kopf zu behalten, beteuert die 34-Jährige. Und den Überblick über ihre Start-ups.

Ja, man hätte sie gewarnt, dass man sich mit zu vielen Projekten verzetteln könne. Aber sie sieht da keine Gefahr: „Ich bin ein totaler Tausendsassa. Eine Pathologie, die ich mit vielen Gründerinnen und Gründern teile. Und wenn mir das nicht guttäte, dann würde ich etwas anderes machen.“

So spricht eine, die schon ein paar Gründerjahre hinter sich hat. Die eine Reifung durchgemacht hat. Und vielleicht auch eine Krise.

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Ema Simurda kommt in Osijek auf die Welt, einer kroatischen Stadt im Landesinneren, nahe den Grenzen zu Ungarn und Serbien. Das sei weit weg von dem „ach so schönen Kroatien“, von dem Menschen ihr gern vorschwärmten, lacht sie. „Am kroatischen Meer bin ich selbst einmal alle 15 Jahre.“

Als sie vier Jahre alt ist, bricht der Krieg in ihrer Heimat aus, mit ihrer Mutter, Großmutter und Tante flieht sie nach Graz. Dort schafft sie es auf das Gymnasium, bricht aber mit 15 die Schule ab. „Ich kann mit Autoritäten nicht umgehen“, sagt sie heute. „Schule hat mich einfach deprimiert.“

Sie habe immer gewusst, dass sie selbstständig werde arbeiten wollen. Und beginnt als Teenager damit, indem sie die Matura in Eigenregie macht, ohne die Schule zu besuchen. Fünf Jahre Unterricht allein und nur aus Büchern – hart sei das gewesen. Unfassbar hart, sagt sie. Aber sie habe ein Ziel vor Augen gehabt, dass sie erreichen sollte: Sie wurde zum Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien zugelassen.

In den Jahren vor und nach ihrem Studium probierte sie sich in unterschiedlichen Bereichen aus: Sie arbeitete als Model. Machte freiberuflich PR und Marketing. Wurde jung Mutter einer Tochter, zog nach Berlin. Dort startete sie als im Business Development von Hubject, einem Elektromobilitäts-Joint-Venture unter anderem von Daimler, BMW und Bosch.

Erst glaubte sie, in diesem Bereich angekommen zu sein. „Mein Vater war ein totaler Autonerd“, erklärt sie ihre Begeisterung für E-Mobilität. Aber dann habe sie einen noch faszinierenderen Bereich kennengelernt: Immer wieder sei es bei Mobilität auch um die Frage gegangen, wie die Städte der Zukunft aussehen. Und immer spielte in denen Vertical Farming eine große Rolle.

„Erste Vertical-Farm-to-Table Restaurant Deutschlands“

2017 gründete Ema Simurda gemeinsam mit Leandro Vergani Good Bank, das, wie sie sagt, „erste Vertical-Farm-to-Table Restaurant Deutschlands“. „Ich hatte das Gefühl, dass die Technologie des Vertical Farmings den Leuten zwar bekannt, aber nie greifbar war. Vertical Farming geschah irgendwo außerhalb, wo es niemand sieht“, sagt sie.

„Wir wollten deshalb ein sehr zugängliches Restaurantkonzept umsetzen, um Vertical Farming unmittelbar erlebbar zu machen – für jedermann.“

Der erste Laden mitten in Berlin-Mitte, zwischen Rosenthaler- und Alexanderplatz, schlug vor allem, erinnert sich Simurda, medial voll ein: „Die Anfangsphase war verrückt.“ Fotografen und Fernsehteams gaben sich die Klinke in die Hand und berichteten über den grellbunten Laden mit den pink leuchtenden Infarm-Gewächsschränken, in denen zwei Sorten Salat und Baby Kale wuchsen, die am Tresen davor zu Salaten und Bowls verarbeitet wurden.

Der Berliner VC Atlantic Foodlabs investierte direkt zu Beginn, 2019 machte Simurda eine weitere Finanzierungsrunde, bei der Christophe Maires Fonds wieder gemeinsam mit Döhler Ventures und dem DMK Deutsches Milchkontor investierte.

Simurda und Vergani begannen die zweite Filiale zu planen, dachten über eine Restaurantkette nach, starteten Catering, erreichten damit neue Zielgruppen jenseits der Berlin-Mitte-Bubble und stellten fest: Das Konzept der frischen Gerichte, die direkt aus dem Gewächsschrank in der Schüssel landen, ging auch dort auf. Die Zeichen standen auf Erfolg – und dann kam Corona.

Als Gastro-Unternehmerin trifft die Pandemie Simurda extrahart – würde man meinen. Tatsächlich aber bleibt das Lächeln im Gesicht der Gründerin echt und entspannt, als sie vom März 2020 berichtet: „Bis dahin war unsere Unternehmensgeschichte ein einziger wilder Ritt gewesen. Ich hatte ungelogen keine zwei Tage am Stück, an denen ich nicht gearbeitet habe“, erzählt sie.

Dann wurde sie durch den ersten Lockdown zum Nichtarbeiten gezwungen: „Als alles aufgeräumt und unsere drei Restaurants geschlossen waren, bin ich nach Hause und habe vier Tage geschlafen.“ Und dann begann die Gründerin, die Zeit des Stillstands zu nutzen – und zwar nicht, um das Geschäftsmodell möglichst schnell anzupassen, um schnell Delivery-Formate aus dem Boden zu stampfen, wie andere Gastronomen, nein. „Ich habe die Zeit genutzt, den Tunnelblick zu verlieren und zu fragen: Ist das, was wir wirklich wollen?“

Kann Good Bank mit einer Restaurantkette und Caterings die Idee von Vertical Farming wirklich voranbringen? Erreicht sie so genügend Menschen? Wie könnte das auch mit weniger heavy operations gehen? „Das hat super gutgetan“, sagt Simurda rückblickend.

Vom Catering-Geschäft in den E-Commerce

„Ich konnte schon immer in Krisen Chancen sehen. Meine Mutter war aus dem Krieg geflohen. Vielleicht kommt das daher“, sagt die Gründerin. „Wenn ich in einem brennenden Zimmer sitze, dann kommen mir tausend Ideen, Strategien, Lösungen. Ich brauche diesen Druck.“

Der Trick wäre freilich, überlegt die Gründerin, diesen Druck künstlich im Kopf entstehen lassen zu können. Sich emotional so überzeugend in ein Worst-Case-Szenario hineinzuversetzen, dass der Lösungsautomatismus ausgelöst wird. Vielleicht könnten das spannende Coaching sein, die sie geben könnte, überlegt Simurda lachend. „Oder ich schreibe ein Buch darüber – wenn ich herausgefunden habe, wie man sich bewusst in Krisenmodus versetzen kann, ohne dass wirklich eine existenzielle Krise droht.“

Heraus kamen letztlich mehrere erfolgreiche zusätzliche Standbeine für Good Bank. Aus dem Cateringgeschäft ließ sich relativ einfach ein Kochboxen-Business aufziehen, berichtet die Gründerin. „Damit haben wir einen kleinen Fuß in den E-Commerce bekommen“, sagt sie. Hello Fresh habe sie damit aber nie angreifen wollen. Außerdem nahm Simurda Kontakt mit Edeka auf und brachte frische Bowls mit Salat und grünem Gemüse aus der Vertical Farm in den Lebensmitteleinzelhandel. „Hätten wir uns versteift, auch in unseren Köpfen, wäre es schlimm gewesen.“

Und eine dritte Idee entstand im Rahmen des Corona-Pivots der Ema Simurda: Sie entschied sich, selbst Vertical Farmen herzustellen. Hardware – aber „lean und bootstrapped“. Dafür gründete sie 2021 eine neue, eigene Firma: Farmie. Die Zeit sei optimal gewesen: Spätestens seit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine sei allen noch mal bewusster geworden, dass wir ressourcenschonender produzieren müssen, auch im Lebensmittelbereich.

Und dass Frische nicht immer garantiert sein kann, dass einige Produkte auch einfach mal nicht geliefert werden können. Zudem hätten Kunden und Immobilienpartner sie schon lange gefragt, ob sie nicht auch so schicke Gewächsschränke aufstellen könnten, wie sie im Good Bank Restaurant stehen. Bis dato waren die vom Berliner Unicorn Infarm gewesen.

Als Simurda beginnt, ihre eigenen Schränke zu entwerfen, zählt für sie vor allem eins: Es muss ein Plug-and-play-Modell sein. „Die Hardware soll so basic wie möglich und so kompliziert wie nötig sein, damit der- oder diejenige, der sie bedient, Spaß an der Sache hat. Das macht den Unterschied“, ist sie überzeugt.

Für andere Schränke brauche man Zu- und Abwasserleitungen, einen eigenen Stromkreis und müsse den regelmäßigen Service beim Kauf direkt mitbuchen. All das sei bei Farmie anders. Die 2,65 Meter hohen Schränke sind auf Rollen und damit komplett flexibel, man brauche lediglich eine normale Steckdose in erreichbarer Nähe.

Wasser werde in einen Tank im unteren Teil des Schrankes gefüllt. So könnten Restaurants, Cafés, Kantinen oder Hotels, die den Platz für einen oder mehrere der durchaus ansehnlichen Schränke haben, im Monat je nach Sorte 250 bis 750 eigene Salate ernten.

Das entspricht mehreren Hundert Kilo im Jahr. Mittlerweile seien 32 Farmie-Schränke im Einsatz. Und eine Pilzfarm, ein Testballon. Noch in diesem Jahr soll die zweite, komplett überarbeitete Version der Farmen in den Handel kommen.

Farmie fertigt nur auf Bestellung an

Sie arbeite bei Farmie ohne die Unterstützung von Investoren, sagt Simurda. Das funktioniere, weil sie nur auf Bestellung anfertige. Für Architektur und Produktdesign arbeite sie mit Freien zusammen, für die Produktion mit mehreren kleinen und mittelständischen Unternehmen.

„Klingt jetzt vielleicht banal, aber: Im Endeffekt ist es ein Gemüsegarten, der technologisch unterstützt wird. Ich finde es übertrieben, so etwas als Raketenwissenschaft zu verkaufen.“ Wichtig sei, dass Farmie wenig Energiekosten verursacht und dass ein typischer Kunde wie ein Gastronom schnell eine Teilzeitkraft in die Benutzung einweisen könne.

Und dann bietet sie ihren Kunden noch das: Setzlinge und Samen „as a service“. Simurda hat einen Wissenschaftler angeheuert, der sich mit „biofortification“ beschäftigt, der also dafür sorgt, etwa durch gezielte Kreuzung bestimmter Salatsorten, deren Nährstoffgehalt auf ein Maximum zu optimieren. Auch die Aussteuerung des Lichtes oder bestimmte Nährstofflösungen, mit denen die Setzlinge gegossen werden, könnten Geschmack und Gehalt des Gemüses verbessern, sagt sie.

Das alles und mehr geht ihr durch den dreigeteilten Kopf. Zuletzt verrät sie das Geheimnis, warum der ihr dabei nicht platzt: „Ich kann mich sehr schnell anpassen, sodass mich stressige Situationen weniger emotional anfassen.“

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