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Weiter Weg zur Weltklasse, aber:: Hansi Flicks Not-OP heilt den Systemschaden

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Mit dem FC Bayern gewinnt Hansi Flick in 19 Monaten alles, was es zu gewinnen gibt. Weniger rauschhaft geht es beim DFB zu. Bei der WM in Katar 2022 droht der Schock-K.o. nach zwei Spielen. Am Sonntag jedoch läuft vieles für das Flick-Team. Weil der Bundestrainer mächtig an seiner Elf schraubt.

Bis 15 Uhr Ortszeit in Doha ist das 1:1 (0:0) gegen Spanien das „Schicksalsspiel der DFB-Elf“. Die ganze Welt wartet nur auf das Ausscheiden nach zwei Spielen. Wenn ein großes Team fällt, johlt die Welt. Dann gewinnt Costa Rica gegen Japan und es ist nur noch ein Spiel. Eines aber, in dem der so plötzlich unter Druck geratene Bundestrainer Hansi Flick alle Register ziehen muss.

Es geht immer noch um die Zukunft der Nationalmannschaft und immer noch irgendwie auch um ihn. Waren seine stürmischen eineinhalb Jahre bei den Bayern nur ein großer Pandemie-Bluff? Alles wird nach der Pleite im Khalfia-Stadion hinterfragt. Die Fäden laufen alle bei Bundestrainer Flick zusammen. Ihm werden zu viele Fehler für ein WM-Spiel angelastet. Der Hauptanklagepunkt: Katastrophale Auswechslungen, eine ohnehin schon gewagte Startelf. Flicks Elf erleidet den Systemschaden.

Enriques weise Worte

„Es geht nicht um die Startelf. Es geht um die 16, die während des Spiels spielen“, sagt Spaniens Coach Luis Enrique am Tag vor dem Spiel. Er ermahnte seine Bankspieler zur Wachsamkeit: „Es könnte jeden Moment für sie losgehen.“ Was in dem Moment, in dem es losgeht, passiert, hat die DFB-Elf im Spiel gegen Japan schmerzlich erfahren müssen. Während Flick mit seinen Auswechslungen danebenliegt, erwischt sein japanischer Gegenüber Hajime Moriyasu einen Sahnetag. Er wechselt den Sieg ein. Er stellt um und er bringt den Siegtorschützen: Takuma Asano.

Am Samstag ruft Hansi Flick die Partie gegen die Truppe von Enrique zum Schicksalsspiel aus. Ob Deutschland noch Weltklasse sei – nach der verkorksten WM 2018, dem frühen EM-Aus gegen England und einer mauen Nations League – würde das Spiel gegen Spanien zeigen, sagt der Bundestrainer in Doha. Und baut damit zusätzlichen Druck auf. Ob das clever ist? Die Ausgangslage ist ohnehin kompliziert.

Nach Keysher Fullers 1:0 für Costa Rica sinkt das Drucklevel wieder. Das Problem aber bleibt: Der Gegner ist eine der spielstärksten Mannschaften der Welt. Auch wenn Flick und sein Gegenüber Enrique sich vor dem Spiel mit Lob überhäufen und die Gemeinsamkeiten (Ballbesitz in der gegnerischen Hälfte) herausstellen, sind das auf spanischer Seite eher respektvolle Nettigkeiten.

Das Land der Bundestrainer

Spanien hat den Umbruch nach der Generation Xavi Hernandez, Iniesta, Torres weitaus schneller und eindrucksvoller auf die Reihe bekommen. Man darf nur an das 6:0 in der Nations League erinnern, als die Spanier vor zwei Jahren und elf Tagen das damalige Löw-Team überrannten. Dann ist da noch Gavi, dieser seit dem 7:0 gegen Costa Rica jüngste WM-Torschütze seit Pelé. Und so viele mehr. Alles muss im Überfluss vorhanden sein.

Das kann Flick von seiner DFB-Elf nicht sagen. Überall klemmt es und wenn Deutschland auch im Boykott-Modus ist, einen guten Tipp für den Bundestrainer hat das Land der Bundestrainer und Bundestrainerinnen immer parat. Das ist bei den Experten beim Oberligakick in Bochum-Wattenscheid so und das ist natürlich auch bei den Experten in den deutschen Medien so.

Der Boulevard beordert Joshua Kimmich zurück auf die Rechtsverteidigerposition. DFB-Torhüterin Almuth Schult fordert gleich eine komplett überholte Mannschaft: Werder-Torjäger Niclas Füllkrug in den Sturm und eine neue Abwehr. Nur Antonio Rüdiger übersteht die Knallhart-Analyse. Flick reagiert. Sicher nicht aufgrund seiner Kritiker, sondern weil er es muss, um das Turnier zu retten.

Die Null muss stehen

Flick nimmt Kai Havertz aus dem Sturmzentrum und schiebt vor. Torsucher Thomas Müller, seit 3064 Tagen ohne WM-Treffer, in den Sturm, İlkay Gündoğan auf die 10 und Leon Goretzka ins defensive Mittelfeld. Nico Schlotterbeck fliegt aus dem Team, dafür soll Thilo Kehrer absichern. Niklas Süle wandert dafür in die Mitte. Goretzka, Gündoğan und Kimmich also in der Startelf. „Man hat gesehen, dass alle drei für die Mannschaft sehr wichtig sind“, wird Flick später sagen.

Radio Müller sendete bis zur seiner Auswechslung in der 70. Minute aus dem Sturmzentrum.

(Foto: IMAGO/AFLOSPORT)

Die wohl auffälligste Änderung aber ist ein taktische. Hansi Flick verzichtet auf die Asymmetrie. Dabei liebt er sie über alles. Linksverteidiger David Raum steht viel tiefer, ist plötzlich auf einer Linie mit dem Rest der Kette. Das macht den Leipziger nicht unbedingt zu einem Weltklasse-Außenverteidiger, aber gegen Spanien stellt sich dieser Schachzug als essenziell heraus.

Es ist wichtig, um die Räume zu schließen, die der DFB-Elf beim Treffer zum 1:2 gegen Japan zum Verhängnis wurden. Es ist wichtig, um die Abwehr nicht in den Schlund des dreiköpfigen spanischen Angriffsmonsters laufen zu lassen. Gelingt erstmal nicht so gut. Ferran Torres (beim damaligen 6:0 noch dreifacher Torschütze), Marco Asensio und Dani Olmo schütteln die Viererkette früh durch, doch nach Manuel Neuers spektakulärer Rettungstat gegen Olmo in der siebten Minute läuft es.

Die DFB-Elf lässt sich in den ersten 25 Minuten nicht an die Wand spielen und kann sich mehr und mehr aus dem frühen Druck der Spanier befreien. Aber individuelle Fehler machen es der Mannschaft immer wieder schwer. Da sind sie wieder, diese unvorhersehbaren und unerklärlichen Aussetzer wie gegen Japan. Serge Gnabry vertändelt bei einem eigenen Umschaltmoment stümperhaft, sodass anschließend Antonio Rüdiger in höchster Not klären muss.

Spanien steht hoch, macht den Raum für das DFB-Team eng. Flicks Männer gehen kein Risiko ein, wollen erst einmal Sicherheit gewinnen, brechen Angriffe ab, wie Jamal Musiala bei einem Lauf durchs Mittelfeld. Spanien kontrolliert das Geschehen, Deutschland wartet auf den Umschaltmoment.

Aufgerafft nach Tiefschlag

Dass im Beduinenzelt in der Wüste etwas geht, zeigt Rüdiger, der nach einem Freistoß von Joshua Kimmich zum 1:0 einköpft, dabei aber Zentimeter im Abseits steht. Auch Teenage-Sensation Musiala findet immer mehr ins Spiel. Zur Halbzeit steht es 0:0. Ein unterhaltsames Spiel. Die Räume sind eng. Nur Gündoğan wirkt auf seiner Rolle im offensiven Mittelfeld manchmal unzufrieden. Gegenüber dem Zusammenbruch gegen Japan ist dies jedoch als Mannschaft eine riesige Steigerung.

Noch lange aber ist das keine Weltklasse. Vielleicht ein bisschen. Die Fans und Experten werden sich wohl noch gedulden müssen. Aber die DFB-Elf zeigt, dass sie mit Spanien mithalten kann. Das Anpassen nach oben aber eben auch nach unten im Niveau scheint immer möglich bei dieser Mannschaft. Wäre die DFB-Elf eine Bundesliga-Mannschaft, wäre sie nicht Bayern München, sondern vielleicht Borussia Dortmund. Eine Mannschaft, die auch immer wieder Versprechen macht, aber selten konstant einlöst.

DFB -Team fordert Sonderrolle ein

Beim DFB-Team schwingt auch oft ein Hauch Elitarismus mit. Arroganz nennen es böse Zungen. Ein Anspruch, der zu den sportlichen Leistungen der vergangenen Jahre so überhaupt nicht passt. Als einzige Nation suchte sich Deutschland etwa ein Hotel weit entfernt von Doha im Norden des Lands. Kapselte sich damit vom Rest der Welt und von der WM-Bubble der Hauptstadt und seinen Einwohnern und Fans ab. So weit, so Sonderrolle.

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Kommt zu uns in den Norden Katars, forderte Flick am Samstag.

(Foto: IMAGO/Agencia EFE)

Dann beschwert sich Bundestrainer Flick auf der obligatorischen Pressekonferenz vor dem Duell mit Spanien, dass er dafür extra nach Doha fahren muss und dass man das Ganze „bei uns im Medienzentrum machen“ könnte. Das Signal lautet: Wir sind etwas Besseres, ihr habt alle zu uns zu kommen und wir nicht zu euch. Der DFB schafft es aufgrund eines Elite-Denkens nicht, der Pflicht, mit den Medien zu sprechen, nachzukommen wie jede andere Nation bei diesem Turnier. Mehrere ausländische Reporter bleiben verdutzt zurück, weil Flick keinen Spieler mitbringt, wie es die FIFA-Regeln vorschreiben.

Weltklasse oder Kreisklasse?

Das alles spielt auf dem Platz in der zweiten Halbzeit natürlich keine Rolle. Da geht es plötzlich ganz einfach. Luis Enrique wechselt Alvaro Morata und damit auch die Führung ein. Wieder trifft ein Joker gegen die DFB-Elf. Und zwar so: Jordi Alba bekommt auf Linksaußen zu viel Raum und wird von Kehrer zu spät gestört. Albas Ball in die Mitte erwischt Süle auf dem falschen Fuß: Er ist nicht eng genug beim eingewechselten Morata, der die Kugel mit einem kurzen Sprint und einer Bewegung aus dem Fußgelenk ins Tor hebt. Nur eine Minute später haut Asensio völlig frei über das Tor. Deutschland muss jetzt aufpassen, das Spiel nicht herzuschenken.

Dann reagiert Flick. Bringt Lukas Klostermann für Kehrer, Leroy Sané für Gündoğan und Niclas Füllkrug für Thomas Müller. Damit wechselt er das Unentschieden ein, das der „Killer mit der Zahnlücke“ in der 83. Minute erzielt und beinahe auch den Sieg. In der 95. Minute schickt Nico Schlotterbeck, mittlerweile für Raum auf dem Platz, Sané. Doch der lässt sich von Keeper Unai Simon ein kleines, kleines Stück zu weit abdrängen. Kein Sieg, keine drei Punkte. Die Qualifikation fürs Achtelfinale liegt somit nicht komplett in der eigenen Hand. Trotzdem insgesamt „eine gute Antwort“ auf Spaniens Tor, findet Flick nach dem Spiel.

Aber ist das jetzt Weltklasse? Natürlich nicht. Die DFB-Elf hat momentan nicht die Qualität, mit den ganz großen Teams spielerisch mitzuhalten. Das aber muss sie aber auch nicht, um bei diesem Turnier vielleicht doch etwas weiterzukommen. Ein Anfang ist gemacht. Ein sehr ansehnlicher.

„Das war jetzt ein Spiel, gegen eine überragende Mannschaft. Wir haben auf Augenhöhe agiert, das sind die Dinge, die wir sehen wollen von der Mannschaft.Wir haben erst einen Schritt gemacht, wir müssen den nächsten noch machen gegen Costa Rica – und das ist unser Ziel“, sagt Flick. Stolpern wäre nun wirklich nicht angebracht. Das wäre Kreisklasse.

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