Neueste Nachrichten und Updates

Virus „Katar-Syndrom“ raubt den letzten eigenen Willen

0 14

Wirken die Metallgitter in Doha und die ewigen Ansagen der Volunteers bei dieser WM noch seltsam, so kehrt nach einer Woche Routine ein. Nicht alles ist perfekt organisiert, aber entwickelt einen eigenen Charme. Das Katar-Syndrom greift um sich. Ist der eigene Wille gebrochen?

„Al Salam Alaikom“ verkündet die FIFA in ihren täglichen Abendbriefings. Ein kurzer Überblick über die Spiele des kommenden Tages, ein paar Statistiken und manchmal auch ein Hinweis an die Medien. Kontakt mit Spielern und Offiziellen von Japan und England nur mit Masken, heißt es da zum Beispiel. Corona ist in Doha sonst vorbei, hat es den Anschein. Die Gewöhnung an das alte Leben vor der Pandemie fällt überraschend leicht. Die Bilder der Fans ohne Masken sorgen in China derweil für riesige Proteste. Eine verrückte Welt.

Das Wochenende bringt die wohl wärmsten Tage der bisherigen WM. Die Hitze drückt alles auf den Boden, der feine Wüstenstaub ist auch in der Metropole Doha in den Lungen auf Dauer spürbar. Längst gebrochen von den riesengroßen Hier-geht’s-lang-Schaumhänden, den Gitterschlangen und den Mantras der Hilfskräfte (die oft einen halben Tag in dieser Sonne an U-Bahnstationen, in Parks oder vor Gebäuden ausharren müssen) folgen die Besucher Dohas den Anweisungen. „Ausgang hier“ und „Einstieg da“.

Die teilweise durch automatisierte Megafone geplärrten und allerorts wiederholten Weghinweise sind längst zum Running Gag unter den Fans und Volunteers geworden. Er geht so: Die Zuschauerinnen und Zuschauer rufen laut „Metro?“. Ein Haufen Hilfskräfte antwortet aus voller Kehle: „This way!“. Alle lachen. Das Katar-Syndrom breitet sich aus. Alle sitzen im Boot des organisierten Chaos. Das längst kein frustrierendes Chaos mehr ist. Niemand kann sich wochenlang aufregen. Es ist eben so.

Die Mär von der klimaneutralen WM

Noch ein Wasser, die Hitze dauert an, Plastikflasche auf ex runtergekippt, in den Mülleimer geschnippt. Direkt eine nächste hinterher. Ins Stadion durch die Sicherheitsschleusen. „Hello, Sir! Wie geht’s denn heute?“ Laptop raus, die fünf Smartphones in die Schale gelegt. „Ist das ihr Rucksack? Können Sie mir den zeigen?“ Rucksack auf, Wasserflaschen raus. „Sie müssen die Labels entfernen.“ Irgendwer hat immer eine Schere. Schnippschnapp. Auch die Security muss grinsen bei dem Irrsinn und zuckt mit den Schultern. Die FIFA sei halt „crazy“ und erlaube nur das Turniersponsorwasser. Verrückt.

Überhaupt Wasserflaschen. Abgerundet verbraucht hier jeder fünf bis zehn dieser nur im kleinen 0,4-Liter-Format vorhandenen Pullen. Was das nach einem Monat WM bei mehr als einer Million Besucherinnen und Besuchern im Wüstenstaat ergibt, können Sie gerne hochrechnen. Klein wird die Zahl nicht ausfallen. Ohnehin ist Katar so etwas wie ein Wasserverbrauch-Weltmeister, schließlich ist der Strahl aus der Leitung (genauso wie Strom) für Katarer umsonst.

Dabei soll laut der Organisatoren dieses Turnier die erste klimaneutrale Weltmeisterschaft in der Geschichte werden. Die Behauptung wird von der Umweltorganisation Carbon Market Watch mit einer Gelben Karte bedacht. Millionen von Tonnen CO₂ seien laut der Untersuchung unterschlagen worden bei den Rechnungen von Katar und FIFA. Da hilft auch die E-Mail der FIFA nicht, man könne wiederverwendbare Wasserflaschen in den Medienzentren auffüllen. Die Suche nach Wasserspendern endet bei einem einzigen kleinen Automaten in einer riesigen Halle. Das Wasser schmeckt abgestanden.

Wo ist der WM-Pokal?

So langsam geht die Sonne unter, in Katar dämmert es um 16.30 Uhr. Wenn im roten Kitsch-Abendlicht der Muezzin ruft, hat das eine spezielle Romantik, die zum Innehalten und Träumen einlädt. Aber die Arbeit ruft. Auf die Tribüne. Bald beginnt das Spiel. Das heutige Gewinnspiel lautet: Wird der gigantische WM-Pokal für die Eröffnung aufgefahren? Antwort: In den letzten Tagen vermehrt. Manchmal wird er einfach vergessen. Wie etwa beim deutschen Duell mit Japan. Skandal: Hat die DFB-Elf etwa deshalb den Auftakt in den Wüstensand gesetzt?

Ein Kollege will den Kasper auf den Tribünen erledigen. Er hält das Geschrei nicht mehr aus. Der Kasper ist einer dieser Einpeitscher, der die Stimmung im Stadium aufheizen soll und die Zuschauerinnen und Zuschauer mehr anbrüllt, als Tim Thoelke im Leipziger Stadion es jemals tun könnte. Einige wehren sich. Sie kommen seit Tagen nur noch mit Ohrstöpseln in die WM-Arenen. Andere schleppen sich hustend die Stufen hoch. Die Klimaanlagen kühlen die Stadien konstant auf 18, vielleicht auch 19 Grad runter. Sie sind mal über den Köpfen und mal in die Stufen eingelassen. Im Education City Stadium ist es runtergekühlt, wenn man sitzt und schwül, wenn man steht. Noch ein Wasser. Spiel vorbei, Laptop zu, raus aus dem Stadion und rein in den Bus.

Diese Transportmittel sind hier auch ein Thema. Eine Armada von Bussen ist unterwegs zu jedem Spiel. Trotz vorhandener Metro mit Zweiminutentakt. Elektro-Busse wären definitiv klimafreundlicher gewesen, aber hier brummen die Motoren laut und stinkig auf. Wenn man nicht gerade auf der Autobahn herausgelassen wird (siehe Tagebuch vom Mittwoch), sind die Fahrer stets freundlich, wenngleich nicht immer die fahrsichersten, weil nicht für das Busfahren ausgebildet. „Metro?“ – „This way!“

Lesen Sie hier den vollständigen Artikel.
Hinterlasse eine Antwort

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Ihr Erlebnis zu verbessern. Wir gehen davon aus, dass Sie damit einverstanden sind, aber Sie können sich abmelden, wenn Sie dies wünschen. Annehmen Weiterlesen

Datenschutz- und Cookie-Richtlinie