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Messi-Magie vernichtet böseste Ängste der Schmach

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Welch eine Stimmung, welch ein Drama: Lionel Messi rettet mit seinem goldenen Tor gegen Mexiko Argentinien vor dem Aus. Der Superstar erlöst damit ein ganzes Land, lässt Ängste platzen und rettet auch sein eigenes Erbe. Vorerst. Ein Abend der Magie – an einem Ort der Toten.

Uff. Argentinien, wie viel Drama willst du? Wie viele Emotionen? Wie viel Druck und Erlösung? „JA!“, lautet die Antwort an diesem wilden, diesem verrückten Fußballabend in Doha.

Wäre er nicht schon längst der ultimative Superstar, er wäre heute geboren worden. Wäre er nicht schon x-Mal zum Retter seines Landes auserkoren worden, heute wäre es passiert. Lionel Messi hält mit seinem goldenen Tor Argentinien beim 2:0 (0:0)-Sieg über Mexiko im Turnier und nimmt einem ganzen Land bitterböse Ängste. Wie La Pulga, der Floh, (Messis Spitzname) immer wieder abliefert, wenn seine Nation ihn am meisten benötigt, ist beeindruckend, fantastisch und eine wilde Heldengeschichte.

Doch von Anfang an. Stunden vor dem Spiel singen sich tausende argentinische Fans in Doha nahe des Marktes Souq Waqif ein. Später, vor dem Lusail Stadion, blicken vorfreudige, aber auch angespannte Gesichter gen Nachthimmel. Denn es geht um alles. Schon im zweiten Spiel der Albiceleste entscheidet sich, ob eine der größten und stolzesten Fußball-Nationen des Planeten völlig überraschend aus dem Turnier in Katar gekegelt wird. Ob die große Karriere Lionel Messis ein schmachvolle WM-Ende findet. Denn noch ein interkontinentales Turnier wird der 35-Jährige wohl nicht spielen. Es ist seine letzte Chance. Es ist die letzte Chance Argentiniens.

Lärm, Gebrüll, alles oder nichts

So war das nicht geplant. Auf einmal geht die Angst um. Die Partie gegen Mexiko, das nach einem vermeintlichen Sieg im Auftaktspiel gegen Saudi-Arabien die Qualifikation für das Achtelfinale hätte besiegeln sollen, wird – ganz ähnlich dem DFB-Team – nach der peinlichen Auftaktpleite zu einem echten Endspiel. „Alles oder nichts“, titelt die größte argentinische Zeitung „Clarín“ in ihrer Online-Ausgabe wenige Stunden vor dem Anpfiff. Denn nur mit einem Sieg hat das Team um Superstar Messi noch eine Chance aufs Weiterkommen. Bei eine Remis bräuchte es viel Glück und ein gutes Torverhältnis ganz am Schluss.

Ein Ausscheiden wäre für Argentinien mehr eine mittlere Katastrophe. Das Land, das für den Fußball stets alles gibt, erlebte laut ntv.de-Kollege Roland Peters, der vor Ort berichtet, eine selbst für argentinische Verhältnisse selten dagewesene Hysterie. Nach dem Sieg in der Copa América im vergangenen Jahr soll dieses Jahr unbedingt der WM-Titel her. Fürs Land und für Messi. Trainer Lionel Scaloni sagt vor der Partie, man spüre immer mehr „Druck eine Mannschaft wie Argentinien zu vertreten, die sich von vielen anderen unterscheidet“. Es sei eben „etwas Besonderes, mit dem Trikot der argentinischen Nationalmannschaft an einer Weltmeisterschaft teilzunehmen.“

Um was es hier im Lusail-Stadion geht, zeigt sich zum ersten Mal, als der Star von Paris Saint-Germain sich zum Warmmachen auf den Rasen begibt. Furioser Jubel von den tausenden argentinischen Fans kracht ihm in dieser Schüssel entgegen, in der auch das WM-Finale ausgetragen wird. Auf der anderen Seite feiern die Mexikanerinnen und Mexikaner ihr Team um Torwart-Ikone Guillermo Ochoa genauso frenetisch. Für den ersten Gänsehautmoment sorgen die Hymnen, die vom vollen Rund aus voller Kehle mitgebrüllt werden. Wow, was hier los ist. Die bisher wohl beste Stimmung bei Turnier, Lateinamerikafeeling vom Feinsten. An das Geisterspielgefühl beim Duell zwischen Deutschland und Japan mag man dabei gar nicht denken.

Messi mit Rekord

Schon mit dem Anstoß stellt Messi einen Rekord auf: Zusammen mit Maradona hat er nun die meisten WM-Spiele seiner Heimat. Die Legende, die vor zwei Jahren und zwei Tagen gestorben ist, hatte die Albiceleste quasi im Alleingang zum Triumph in Mexiko geführt. Sechsunddreißig Jahre später könnte das gleiche Mexiko seine und Messis Heimat rauswerfen.

Und auch wenn La Pulga längst mehr Länderspiele auf dem Buckel hat, er steht noch immer im Schatten des vielleicht besten Fußballers, den die Welt jemals zu Gesicht bekommen hat. Nur ein WM-Sieg, so sehen das viele in Argentinien, kann Messi auf eine Stufe mit der Ikone stellen. Nutzt also der Zehner seine letzte Chance, ein weiteres Kapitel in der argentinischen WM-Geschichte zu schreiben und sich unsterblich zu machen? Oder gibt es das schmachvolle und peinlich Aus in der Vorrunde?

El Tri erkämpft sich den besseren Start, presst früh, ist aggressiv in den Zweikämpfen und setzt Argentinien unter Druck. Es werden harte Duelle geführt, jeder Spieler haut sich zu hundert Prozent rein. Es ist richtig – um mal schöne, aber eben auch passende Fußballfloskeln einzuwerfen – Leidenschaft und Feuer im Spiel. Aber beide Mannschaften wissen auch mit „dramatischen“ Schauspieleinlagen zu überzeugen.

Jede kleinste Offensivszene, jede Grätsche wird bejubelt. Bei jedem Foulspiel geflucht. Dazu in einem Fort Gesänge und Buhrufe. Es herrscht ein atemberaubender Lärm. Ununterbrochen. Volksfeststimmung kann da nicht mal annähernd mithalten.

Angst vor der Schmach steigt

Messi ist anfangs kaum zu sehen, lässt sich tief fallen, um Ballkontakte zu bekommen. In den ersten 25 Minuten finden er und seine hochgelobte Offensive um Ángel Di María und Lautaro Martínez aber noch überhaupt nicht statt. Aber die Mexikaner dürften gewarnt sein, denn wie oft schon versteckte sich La Pulga das halbe Spiel über, um dann eiskalt zuzuschlagen. Genau vor dieser „Magie“ aus dem Nichts warnte Keeper Ochoa vor dem Duell. In der 28. Minute hat Messi den ersten Abschluss für sein Team – per Kopf sogar – doch der Ball segelt deutlich über das Tor.

Ansonsten wird aus dem Kampf immer mehr Krampf. Um nicht zu sagen ein kleines Bolzplatz-Gehacke. Alle 30 Sekunden liegt ein Spieler auf dem Boden. Keines der Teams will bisher ins Risiko gehen, um nicht den einen, vielleicht entscheidenden Fehler zu machen. Auf den Bildschirmen eingeblendet: argentinische und mexikanische Fans. Sie singen und leiden beinahe simultan. Es knistert im Stadion, Langeweile hat hier trotz des Mangels an Torchancen und der eher unansehnlichen Zweikampf- und Foulorgie niemand. Es geht eben um alles oder nichts.

Ein Freistoß von Alexis Vega aus gut 20 Metern bringt die beste Chance für El Tri, aber Keeper Emiliano Martinez hält spektakulär und sicher. Die imaginäre Dezibelanzeige explodiert, obwohl nicht mal ein Tor gefallen ist. Beim Gegenzug wird Messi von mehreren Mexikanern gejagt wie bei einer Hetzjagd. Er bekommt wie erwartet keinen Zentimeter geschenkt. Hier und da werden die argentinischen Fans leiser. Ihre Angst vor der Schmach steigt.

Dann ist Halbzeit – mit diesem Resultat wäre die Sensation so gut wie perfekt und Argentinien und sein Superstar wären quasi ausgeschieden. Ist der Druck eines ganzen Landes doch (mal wieder) zu groß?

Fußball ist verrückt, Messi sowieso

Anfang der zweiten Hälfte setzt Messi endlich mal zu einem Sololauf an und wird in bester Freistoßposition gefoult. „Messi“-Sprechchöre echoen durchs Rund, aber der Superstar schießt den Ball deutlich über Mauer und Tor. Doch es ist erkennbar: La Pulga, der bei jeder Ballberührung von den mexikanischen Fans ausgepfiffen wird, möchte hier die Kontrolle übernehmen. Möchte seine vielleicht letzte Chance auf den WM-Titel nicht einfach so in den Wüstensand setzen.

Dann – in der 64. Minute, die vielleicht irgendwann in die argentinischen Geschichtsbücher eingeht – erhält Messi ein einziges Mal ein paar Meter Freiraum vor dem Strafraum. Er nutzt sofort die kleine Lücke, zieht mit seiner perfekten Schusstechnik ab – und der Ball schlägt wie so oft flach Millimeter neben dem Pfosten ein. Die Magie aus dem Nichts. Ochoa hat keine Abwehrmöglichkeit. Nun würde das Dezibelmessgerät womöglich implodieren oder sich gleich aus Angst in Luft auflösen, so enorm ist die Eruption.

Jubelnd dreht Messi mit weit ausgestreckten Armen ab und lässt sich hochleben. Die Erlösung. Durch den Messias, der vielleicht doch noch der Legende Maradona nacheifern kann. Messi ist wieder da, wenn Argentinien ihn am meisten braucht. Der Traum ist noch nicht ausgeträumt. Ein halbes Stadion, eine ganze Nation, atmen auf. Das kollektive „puh“ ist förmlich hör- und greifbar.

Am Ende ist es diese eine Situation, die den Unterschied macht. Diese WM in Katar hat jetzt ihren ersten völlig absurden Südamerika-Clash erlebt. Als zum Abschluss Enzo Fernandes die Kugel auch noch wunderschön zum 2:0 in den Winkel zirkelt, ist das Spektakel perfekt. Wenngleich Argentinien das Ticket fürs Achtelfinale noch längst nicht gebucht hat und im letzten Spiel noch mindestens ein Punkt her muss.

Dennoch: Die Schmach abgewendet, die Ehre der Heimat und das eigene Erbe gerettet. Messi schafft mit einem einzigen Schuss, mit einem Moment der Magie, Monumentales. Fußball ist verrückt. Und dieser Floh ist es erst recht.

Lusail – ein Ort der Schande

Wenn man im Lusail alles ausblendet, dann ist dies also ein berauschender Fußballabend (wenn man es nicht mit Mexiko hält). Das darf man aber nicht. Denn in Erinnerung bleiben muss auch bei solchen Festen der ultimativen Erlösung, dass das Stadion der argentinischen Freude von ausgebeuteten Gastarbeitern erbaut wurde. Vielleicht starben Arbeiter genau an Ort und Stelle von Messis Magie.

Die Menschenrechtsorganisation Equidem fand in einer 18-monatigen Untersuchung die längste Reihe von Verstößen unter allen WM-Stadien. Darunter körperliche Misshandlung, Einbehaltung von Arbeitnehmerpässen, psychische Schäden durch Drohungen, Stress und Angstkulturen oder überfüllte und unhygienische Arbeiterunterkünfte. Und Tod von Arbeitern auf der Baustelle.

Lesen Sie hier den vollständigen Artikel.
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