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Die tragische Geschichte des Fußball-Helden Joe Gaetjens

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Sein 1:0-Siegtreffer im WM-Spiel 1950 gegen England gilt als „bedeutendstes Tor der US-Fußball-Geschichte“. Es sorgte zugleich für eine der größten WM-Sensationen. Doch der Ruhm bewahrte Joe Gaetjens nicht vor dem Tod in seiner Heimat Haiti.

Die Geschichte der US-Männer-Nationalmannschaft ist nicht gerade voll von herausragenden Momenten. Der größte Erfolg war ein dritter Platz 1930 in Uruguay, als sich 13 Nationen erstmals zu einer Weltmeisterschaft trafen. Wer es gut meint mit den Amerikanern, kann auch das WM-Viertelfinale 2002 erwähnen, als ein starkes US-Team an einem noch stärkeren Oliver Kahn im deutschen Tor verzweifelte und 0:1 verlor.

Und dann war da noch das Vorrundenspiel am 29. Juni 1950 in Belo Horizonte. Gegner England war zwar WM-Debütant, zählte allerdings zu den Turnierfavoriten und hatte seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges 23 seiner 30 Spiele gewonnen. Und England hatte Stanley Matthews, einen der besten Spieler der damaligen Zeit. Doch der Rechtsaußen, der 1956 erster „Europas Fußballer des Jahres“ werden sollte, kam in diesem Match gar nicht zum Einsatz. Trainer Walter Winterbottom wollte ihn für spätere, wichtigere Spiele gegen schwerere Gegner schonen.

Sportlehrer, Leichenwagenfahrer, Tellerwäscher

Denn was sollte schon passieren gegen dieses US-Team, das eine Ansammlung von Halb-Profis war? Da gab es beispielsweise Mittelfeldspieler Walter Bahr, der als Sportlehrer an einer High School in Philadelphia arbeitete. „Ich kenne keinen, der damals vom Fußball leben konnte. Jeder hatte einen Job“, sagte Bahr gegenüber ESPN. Torwart Frank Borghi war als Leichenwagenfahrer beim Bestattungsinstitut seines Onkels angestellt. Und Stürmer Joe Gaetjens, der 1947 aus Haiti nach New York kam, um an der dortigen Columbia University Rechnungswesen zu studieren, bekam zwar von Brookhattan, einem Verein aus der American Soccer League, 25 Dollar pro Partie. Doch da das eben nicht für den Lebensunterhalt reichte, verdiente er sich zusätzlich Geld als Tellerwäscher in „Rudy’s Café“, einem Restaurant von Brookhattan-Besitzer Eugene „Rudy“ Diaz in Harlem.

Gaetjens besaß, wie zwei weitere Spieler, noch keine US-Staatsbürgerschaft. Doch er hatte zumindest eine beantragt. Das genügte damals, um in Brasilien für die Amerikaner antreten zu dürfen. Zumal die USA dringend einen starken Offensivspieler gebrauchen konnten. Bei den Sommerspielen in London 1948 gab es ein 0:9 gegen Italien. Es folgten Freundschaftsspiel-Debakel gegen Norwegen (0:11) und Nordirland (0:5). „Joe war jemand, der toll mit dem Ball umgehen konnte. Einer, bei dem du denkst, ‚keine Ahnung, wie er das macht, aber er findet immer einen Weg, ein Tor zu schießen'“, sagte Bahr in einer ESPN-Dokumentation über Gaetjens.

Ein Flugkopfball für die Geschichtsbücher

Und dieser Joseph Eduard Gaetjens, dessen Urgroßvater Thomas 1825 von Bremen nach Haiti auswanderte, fand auch im WM-Vorrundenspiel gegen England einen Weg, den Ball im Netz unterzubringen. In der 38. Minute verwertete er eine Hereingabe von Bahr per Flugkopfball. Es sollte der einzige Treffer der Partie bleiben. ESPN spricht vom „bedeutendsten Tor der US-Fußball-Geschichte.“ Die Amerikaner schieden in Brasilien zwar durch zwei Niederlagen gegen Spanien und Chile als Vorrunden-Letzte aus. Dennoch gilt dieser 1:0-Sieg gegen England bis heute als eine der größten Sensationen der WM-Historie. Dabei hatte US-Nationaltrainer Bill Jeffrey sein Team vor dem scheinbar aussichtslosen Duell noch als „Schafe“ bezeichnet, die „zur Schlachtung bereit“ seien.

Von Gaetjens‘ Treffer gibt es kein Video-Material und nur ein Foto, das den Ball hinter Englands Torwart Bert Williams zeigt. Auf einer weiteren Aufnahme ist Gaetjens zu sehen, der von Fans auf den Schultern durch das Estádio Independência von Belo Horizonte getragen wird.

Das Tor machte Gaetjens nicht nur in den USA berühmt, sondern auch in Haiti. Und als Gaetjens 1953 in seine Heimat zurückkehrte, wurde er dort als Nationalheld gefeiert. „Der beste Spieler in Haiti, den USA und auf der ganzen Welt“, stand auf einem Plakat am Flughafen der Hauptstadt Port-au-Prince. „Tausende Menschen haben ihn dort erwartet. Und auf dem Weg nach Hause wurde er von vielen Autos eskortiert“, erinnert sich seine Schwester Mireille Gaetjens Cassagnol.

Gaetjens eröffnete in Port-au-Prince zwei Waschsalons, heiratete, wurde Vater von drei Söhnen und genoss es, wenn er immer mal wieder auf sein Tor gegen England angesprochen wurde. Er lebte ein glückliches Leben. Doch das sollte sich bald ändern. Bei der Präsidentschaftswahl 1957 setzte sich François Duvalier durch. Ein Arzt, der nach einem überstandenen Putschversuch ein Jahr später eine Militärdiktatur errichtete und gnadenlos gegen seine Gegner vorging. Besonders gefürchtet war seine Tonton Macoute, eine für ihre Brutalität bekannte Miliz, die Menschen einschüchterte, grundlos verhaftete und tötete.

Mit Waffengewalt verhaftet

Joe Gaetjens war nicht politisch aktiv, doch sein Bruder Gérard hatte bei der Präsidentschaftswahl 1957 für Duvaliers Gegenkandidaten Louis Déjoie als Berater gearbeitet. Und seine beiden anderen Brüder, Jean-Pierre und Fred, arbeiteten nach ihrer Flucht in die benachbarte Dominikanische Republik aus dem dortigen Exil aktiv im Widerstand gegen Duvalier.

Familienmitglieder waren deshalb in Sorge um Joe Gaetjens, baten ihn mehrfach, das Land zu verlassen. Doch er weigerte sich, verwies auf seine politische Neutralität und seinen Bekanntheitsgrad. Am Abend des 7. Juli 1964 bekam er eine letzte Warnung, dass „die gesamte Gaetjens-Familie am nächsten Tag verhaftet“ werden würde. Doch erneut blieb er stur. Ein folgenschwerer Fehler.

Als Gaetjens am 8. Juli 1964 nachmittags in seinem blauen Kombi an seiner Reinigung in der Avenue John Brown vorfuhr, wurde er von zwei Mitgliedern der Tonton Macoute mit vorgehaltenen Waffen verhaftet. Sein ältester Sohn, Lesly, war damals sieben Jahre alt. Er habe jede Nacht gebetet, dass sein Vater wiederkomme, sagt Gaetjens Jr. Dass er plötzlich wieder auftauche und diese Leere endlich vorbei sei.

Doch der Vater kehrte nicht zurück. Er kam ins berüchtigte Gefängnis Fort Dimanche in Port-au-Prince – ohne Anklage und ohne Prozess. Die Bedingungen in der Haftanstalt waren menschenunwürdig. Bis zu 40 Personen wurden in drei mal vier Meter kleine Zellen gezwängt. Viele starben an Unterernährung, den Folgen brutaler Folterung oder wurden ermordet. Mehr als 3000 Häftlinge starben in Fort Dimanche. Joe Gaetjens war einer von ihnen. „Ich glaube an Gott. Und ich vergebe jedem. Aber ich vergebe nicht Duvalier. Denn er hat meinen Bruder ermordet“, sagt Gaetjens Schwester Mireille

Das genaue Todesdatum sowie die Todesursache sind bis heute unklar. Vermutlich, so heißt es, sei Joe Gaetjens noch im Juli 1964, wenige Tage nach seiner Einlieferung, dort gestorben. Seine Familie lebte acht lange Jahre in Ungewissheit. Sie hoffte und betete. Erst im Frühjahr 1972 kam die Bestätigung, dass Joe Gaetjens tot ist.

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