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Der Superstar versteckt sich noch irgendwo in Katar

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Diese WM benötigt dringend Legenden-Momente und so sucht Katar verzweifelt den Superstar des Turniers. Messi könnte heute schon rausfliegen, Lewandowski knipst einfach nicht und Deutschland trifft das Tor ohnehin nicht. Wer bleibt da noch? Von alternden Megastars und Toren gegen Nebengeräusche.

Klar, Frankreich wirbelte Australien mächtig durcheinander und die Engländer schenkten den Iranern ordentlich ein. Auch die Schlussphase bei Portugal-Ghana bot Tore und Spektakel. Aber sonst? Die WM in Katar bietet viel Leerlauf und eher maue Partien. Zeit, um nach der ersten Turnierwoche zu schauen, wer das Zeug zum Star der Wüsten-WM hat.

Denn Katar wünscht sich diesen Superstar sehnlichst. Nicht umsonst prangern Kylian Mbappé und Co. in Großformat an Gebäuden. Wenn das Turnier ein Erfolg werden soll, müssen Legenden her. Momente, die die Fans nie wieder vergessen. Möglicherweise wurden die Schiedsrichter auch dafür angewiesen, jede noch so kleine Kleinigkeit als mindestens eine Minute Nachspielzeit anzurechnen. Damit das ganz späte Drama noch den ein oder anderen Superstar gebären kann.

Sucht man einen WM-Star ist natürlich der Blick in den Sturm die erste Reaktion. Torjäger sind schon immer die Größten der Turniere gewesen, von Pelé über Gerd Müller bis hin zu Ronaldo (Luís Nazário de Lima).

Der beste Angreifer Europas

Einen, den nicht viele auf dem Zettel hatten vor dem Turnier, ist Cody Gakpo, weil er auch kein klassischer Stürmer ist. Seine zwei Tore in zwei Spielen sind jedoch keine Überraschung. Der 23-Jährige hat in dieser Saison für die PSV Eindhoven in 14 Spielen neun Treffer erzielt und zwölf Vorlagen gegeben. Damit ist er den Statistiken nach der beste Spieler in der Eredivisie, Premier League, Bundesliga, Ligue 1, Serie A und La Liga. Seine Stärken sind seine Schnelligkeit, seine Abschlussfähigkeit, sein Auge für Flanken und Schlüsselszenen und seine schiere Größe von 193 Zentimetern.

Als Gakpo im Sommer Angebote von europäischen Topklubs erhielt, fragte er den Bondscoach nach seiner Meinung. Van Gaal riet dem Stürmer noch ein Jahr bei seinem Heimatverein zu bleiben, um auch den Stammplatz im Nationalteam zu behalten. Natürlich sollte die Einschätzung des Coaches – auch ein Star des Turniers, Spaniens Nationaltrainer Luis Enrique nannte ihn den einflussreichsten Trainer seines Lebens – mal wieder die richtige sein. Es heißt, die PSV würde einem Angebot für Gakpo über 50 Millionen Euro im kommenden Sommer zustimmen, Manchester United mit dem niederländischen Coach Erik ten Haag soll interessiert sein. Mit dieser WM wird der Preis des Offensivmanns mit Sicherheit nicht sinken.

Auch auf Enner Remberto Valencia Lastra hatten sicher nur eingefleischte Ecuador-Fans als besten Torschützen der ersten Woche gewettet. Seine drei Treffer eröffnen den Südamerikanern die Chance aufs erste Weiterkommen seit 2006. Der bereits 33-jährige Valencia ist in seiner Heimat ein Superstar, eine Art Lebensversicherung: Für Ecuador sind diese sechs Tore die einzigen bei einer WM seit Valencias erstem Treffer. Sechsmal in Serie für eine Nation bei dem Interkontinental-Turnier knipsen, das schafften vorher nur der große Eusebio für Portugal, der Italiener Paolo Rossi und Oleg Salenko für Russland. Ganz Ecuador hofft nun, dass Valencia, der schon von katarischen Spielern mehrfach umgeholzt worden war und dann im Spiel gegen die Niederlande vom Platz getragen werden musste, nicht ernsthaft verletzt ist und fröhlich weiter knipst.

Der 33-Jährige ist ein typischer „Journeyman“, also einer, auf den das Wort Söldner nicht zutrifft, der in seiner Karriere jedoch zwischen Vereinen, Ligen und Kontinenten hin- und herspringt und nie irgendwo ankommt. Momentan spielt der Stürmer seit einigen Jahren bei Fenerbahçe Istanbul und führt vor der Schalke-Legende Haji Wright (zu ihm weiter unten mehr) die Torschützenliste an. Starpotenzial aber hat er nicht. Dafür spielt er eben bei Ecuador, einer Mannschaft, die bei der Vergabe des WM-Titels und dem damit verbundenen Helden-Status sogar noch weiter entfernt sein sollte als die DFB-Elf von einem inneren Frieden. Natürlich auch, weil dem Team ein Stürmer abgeht. Einer, wie Robert Lewandowski, der unter Hansi Flick – und, zugegeben, allen anderen Bayern-Trainern – immer trifft und der auch beim FC Barcelona in bester Form ist.

Lewandowski und die harten Hunde

Das alles hilft ihm jedoch nicht auf der Suche nach seinem ersten WM-Treffer. Lewandowski versagt gegen Mexiko sogar vom Elfmeterpunkt und wird nur eine Randfigur der Geschichte dieser Weltmeisterschaft bleiben. Damit es ihm immerhin besser als Neymar. Der Anti-Held Brasiliens stellt seine toxische Beziehung zur WM auch im überwältigenden Auftaktspiel gegen Serbien unter Beweis. Die gegnerischen Verteidiger nehmen ihn ins Visier und treten ihn vorerst aus dem Turnier.

Ob Haji Wright ein WM-Star werden kann? Unwahrscheinlich. Der US-Stürmer ist in Deutschland in manchen Kreisen immerhin als Schalke-Legende bekannt. Gemeinsam mit dem etwas erfolgreicheren Weston McKennie heuert er 2016 in der Knappenschmiede an und gerät schnell in Vergessenheit. Ein paar Einsätze für die Königsblauen in der Bundesliga, eine Saison beim SV Sandhausen und dann mit besten Wünschen zum VVV Venlo. Von dort in die dänische Superliga, SonderjyskE, endlich ein paar Tore. Schon wieder ein Transfer, in die Diaspora des europäischen Fußballs. Antalyaspor in der Türkei aber bringt ihn zurück in das US-Rampenlicht. Neun Treffer in zwölf Spielen für den Schlaks, der sich im Al Bayt plötzlich gegen Harry Maguire und John Stones sieht und dabei so unauffällig bleibt wie zu seinen Zeiten in Sandhausen und auf Schalke.

Englands Harry Kane bleibt ein ewiger Langweiler, BVB-Mittelfeldstar Jude Bellingham fällt im Spiel gegen die USA dramatisch ab. Er wird überall mit Erwartungen überfrachtet, in Echtzeit verkünden die Reporter, die über nichts anderes berichten, den Aktienkurs des 19-Jährigen, der aber auch überhaupt nicht im Sturm spielt, anders als Kylian Mbappé.

Der Franzose wirbelte auf seiner linken Außenbahn gegen Australien einen so heftigen Sandsturm auf, dass Verteidiger ihm und seinen Dribblings noch weniger folgen konnten als sonst. Der 23-Jährige hat mit seinem Tor im Auftaktspiel von Les Bleus nun insgesamt schon fünf WM-Treffer gesammelt und könnte, wenn er so weitermacht, irgendwann Rekordtorschütze Miroslav Klose und seine 16 Tore überholen. Bei der WM 2034 hätte ein dann 35-jährige Mbappé bei gleichbleibender Quote 20 Treffer erzielt.

Vereint Richarlison Brasilien?

Vielleicht wird auch der alternde Ronaldo zum Nutznießer, weil sein Rivale Messi mit Argentinien schwächelt? In seinem ersten Spiel löst CR7 die größte Hysterie dieses Turniers bislang aus. So, wie Katar es sich von Legenden wünscht. Vielleicht geht aber sein WM-Stern auch komplett unter, sobald es gegen Elite-Verteidiger geht und es bleibt dem Portugiesen nichts weiter, als sich auf einer PK einen weiteren Snack aus der Hose zu ziehen und damit Stürme der Begeisterung unter den Fanboy-Journalisten auszulösen.

Und wenn so, durch das Ausschlussprinzip viele Spieler ausscheiden, dann bleiben am Ende nur noch ganz wenige über, die dieses Turnier zu ihrem machen können. Neben Gakpo, Mbappé und dem deutschen Edeljoker Niclas Füllkrug, der beim 1:2 gegen Japan Anlauf nahm, um jetzt die Welt zu erobern, hat sich am ersten Spieltag besonders der Brasilianer Richarlison hervor. Mit seinem Scherenschlag gegen Serbien erzielt der Stürmer der Tottenham Hotspur nicht nur das bislang schönste Tor des Turniers, sondern ist auch dazu geeignet, ein ganzes Land zu vereinen.

Bei dieser WM der brutal lauten Nebengeräusche geht der Streit um das Trikot in Brasilien etwas unter. Wem gehört es? Den Protestierenden, die die Abwahl des Rechtspopulisten Jair Bolsonaro nicht akzeptieren und bei ihren Blockaden das Selecao-Trikot mit Neymars Nummer 10 tragen oder dem Rest. „Er ist das Idol, das die Brasilianer nach all dem Leid verdienen“, heißt es über den Spieler, der sich gegen Rassismus, Armut, Polizeigewalt, gegen die Zerstörung der Natur und für die Rechte der LGBTQ-Community einsetzt.

Es wäre auch in diesem Wüstenraumschiff Doha ein Zeichen. Eine Wende kommt. Ganz langsam.

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