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Das Drama von Wattenscheid: Wo der Fußball auf die FIFA und Flick pfeift

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In Katar kämpft die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gegen den vorzeitigen K.o. bei der Weltmeisterschaft und vermisst ein klein wenig die Unterstützung aus der Heimat. Dort ist das Interesse an dem Turnier nicht sonderlich groß, anders als die Liebe zum Spiel.

Für Teams wie jenes von Preußen Münster ist die Floskel „im Stile einer Spitzenmannschaft“ erfunden worden. An diesem Samstagnachmittag, um ziemlich genau um vier Uhr muss es gewesen sein, brachte Simon Scherder das Lohrheidestadion in Wattenscheid zum Schweigen, diesen Ort, der auf so wundervolle Weise an die alte Zeit des Fußballs erinnert, als die großen Stars noch Schnauzbart trugen und mit Vokuhila-Matten glänzten. An diesem Ort im Schatten der Zeche Holland, an dem einst mit Souleymane Sané, mit Ali Ibrahim und Thorsten Fink der große FC Bayern mit Jürgen Kohler, mit Stefan Effenberg, mit Olaf Thon und Brian Laudrup entzaubert worden war. Fußball-Nostalgiker atmen auf den Tribünen noch immer den Mief jener glorreichen Zeit.

Die Realität in „good old Watsche“ sieht anders aus. Trister, wenn auch nicht mehr ganz trist wie noch vor ein paar Wochen. Aus den vergangenen fünf Spielen hatte die Mannschaft der SGW 09 zehn Punkte geholt. Vom bereits sicher geglaubten Absteiger war die Verwandlung zu einem Team gelungen, das wieder an sich und den Klassenerhalt in der Regionalliga West glaubt. Und um wenige Sekunden verpassten die Wattenscheider an diesem Samstagnachmittag das kleine große Wunder von der Lohrheide. Mit 4:5 ging ein Fußballspiel zu Ende, das vom Warten am Kassenhäuschen bis zum Last-Minute-Bratwurstverkauf für einen Euro der maximale Gegenentwurf war zu dem, was sich derzeit in Katar abspielt, zur seltsam schillernden WM.

Zwei Europameister, zwei Welten

Von Bundestrainer Hansi Flick, der das komplizierteste Personalpuzzle seiner Trainerkarriere lösen muss. Von den Sorgen der Nationalmannschaft hört man in der Lohrheide nichts. Auch über den irren FIFA-Boss Gianni Infantino, über „One Love“ oder Ronaldos Show spricht hier keiner. Und auch das krachende Ende einer Weltkarriere, der drohende WM-Knockout von Lionel Messi ist kein Thema. Dabei gibt es eine hauchzarte Verbindung nach Doha. In Wattenscheid läuft Dennis Grote auf. Ein vergessener Spieler aus der großartigen 2009er-Generation, die U21-Europameister wurde und aus der so viele fünf Jahre später Weltmeister wurden. Manuel Neuer etwa, er ist der letzte Vertreter der Generation auf dem höchsten Nationalelf-Level. Am Sonntagabend kämpft er gegen eine der größten Enttäuschungen der deutschen Fußball-Geschichte an. Dennis Grote wird ihm vielleicht dabei zuschauen, vielleicht auch nicht. Die Welt des 36-Jährige ist eine andere. Sie ist in der Lohrheide, in Wattenscheid zu erleben, zu atmen. Grote träumt auf seinen letzten Karrieremetern vom Aufstieg mit seinem Jugendklub, für den er später weiterarbeiten soll.

Die Ausgangslage war klar: Preußen ist der turmhohe Favorit, in diesem Spiel, in der Liga. In einem dramatischen Fernduell verpassten die Münsteraner in der vergangenen Saison den Aufstieg und ließ den aufgewachten Pott-Giganten Rot-Weiss Essen aufsteigen. Ein Deja-vu soll es nicht geben und so pflügt die Mannschaft, in der mit Andrew Wooten und Marc Lorenz weitere Spieler mit einst höheren Weihen unter Vertrag stehen, durch die Liga, hat nach 18 Spielen nun acht Punkte Vorsprung auf die Verfolger Mönchengladbach II und Alemannia Aachen. Der Wuppertaler SV kann noch nachziehen und auf sieben Zähler verkürzen – immerhin.

Lewandowski trifft historisch, na und?

Doch beinahe wären die Preußen gestrauchelt, wie vor zwei Wochen, als es eine 0:1-Niederlage gegen den WSV gab. Doch es gab ja noch Simon Scherder und die 96. Minute. Der Joker hatte gestochen. Mitten ins Herz der Gastgeber. Und niemand, der nicht in diesem Stadion war, konnte fühlen, was dieser Treffer für eine Bedeutung hatte. Für die Menschen, denen Katar so egal zu sein scheint wie einem Menschen Katar nur egal sein kann. Nur für einen ganz kleinen Moment findet die Weltmeisterschaft Zugang in die Lohrheide. Um zwanzig vor fünf brüllt einer: Robert Lewandowski hat getroffen. Es ist ein historischer Treffer, sein erster bei einem Weltturnier. Zwei, drei, vielleicht vier Leute drehen sich um. Der Rest tobt und peitscht – oder zittert. Umut Yildiz (78.) hatte die SGW in dieses Spiel zurückgeholt. Nach einem phänomenalen Doppelpass steht der 22-Jährige frei vor dem Tor, trifft – das Stadion bebt. Nur noch 3:4. Mit 1:4 hatte Wattenscheid zur Pause hinten gelegen.

Hinten vogelwild, vorne nachlässig, manchmal zu egoistisch, unaufmerksam. So hatten die Gastgeber die ersten 45 Minuten verbracht. Etwa Kim Sané, der Sohn von Souleymane, der ältere Bruder von Leroy, der an der Seite von Neuer am Sonntag gegen den Fußball-GAU kämpft. Nach zehn Minuten war er mit einem Schuss auf die kurze Ecke gescheitert. Eine Minute steht es 0:1, drei Minuten später 0:2. Die Fans auf den Tribünen werden wütend. Vom Alt-Hooligan bis zur Omma, alle fassungslos. Jeder findet einen anderen Schuldigen, Tim Thomas Brdaric wird genannt, der Sohn von Kultstürmer Thomas Brdaric, achtfacher Nationalspieler. Die Dinge nehmen ihren Lauf. Der Favorit ist souverän. Niemand ahnt, wie wild dieses Spiel werden wird. 40. Minute, Elfmeter für Münster, 0:3. 43. Miunte, Elfmeter für Wattenscheid, 1:3. Das „Dorf“ tobt. 44. Minute, 1:4. Das „Dorf“ schweigt.

Weihnachtsmarkt? Bermuda-Dreieck? Filmabend?

Menschen, die erst kurz vor Anpfiff gekommen waren und erst Wertmarken dann Bier ergatterten, hatte bis zur 25. Minute kaum etwas gesehen. So groß war der Andrang. Knapp 2800 Fans waren gekommen, viele spontan und kurz vor knapp. Die Sicherheitschefin wies die Besucher klar an: Frauen links, Männer rechts, dann geht es schneller. Und niemand von ihnen war zur Pause gegangen. Auch das ein Unterschied zu Katar, wo etwa beim Auftaktspiel eine Massenflucht zur Halbzeit eingesetzt hatte. Der Glaube, dass noch was gehen könnte? Nicht vorhanden. Egal. Die Themen, die die Menschen nun bewegen: Später Weihnachtsmarkt? Bermuda-Dreieck (legendäre Kneipemeile in Bochum)? Filmabend? Oder Sommerfest? Ein Plakat am Bierstand weist daraufhin, war allerdings schon im August, hatte vermutlich einfach nur jemand vergessen abzunehmen. Einer lacht. Naja.

Anpfiff zu den zweiten 45 Minuten. Die Jungs mit den Kutten und dem schwarzweißen Kult-Logo sind wieder im Block. Aufgeben gibt es hier nicht. Nicht in Wattenscheid. Nicht an der Lohrheide, die einst kurz am großen Fußball schnupperte, insolvent war und tief im Nirgendwo verschwand. Wo Verbrecher an der Macht waren oder (zu) wilde Visionäre. 48. Minute, Elfmeter für die SGW09. Kultstürmer Dennis „Bulle“ Lerche läuft an, trifft. Geht doch noch was? Die Wattenscheider rennen im Rausch um ihr Glück, Münster wackelt – und Omma brüllt bei jeder Hereingabe: jetzt isser drin.

Und Omma hat doch recht

Bis zur 78. Minute dauert es, bis Omma sich als Orakel feiern lassen darf. Die Gastgeber sind seit zwölf Minuten in Unterzahl, der „Bulle“ ist vom Platz geflogen und legt sich mit dem Preußen-Block an, 300, vielleicht 400 Fans sind mitgekommen und wähnen den sicheren Sieg in Gefahr. In der 85. Pfosten knallt der Ball an den SGW-Pfosten, danach grätscht ihn ein Abwehrmann von der Linie. Das „Dorf“ tobt. Die Schwarzweißen stürmen, die Grünweißen krümmen sich auf dem Boden. Zeitspiel wittert nicht nur Omma. Das „Dorf“ tobt. Dann die 92. Minute, Brdaric, Tor, Tollhaus. Wer ehrliche Liebe zum Fußball erleben möchte, er erfährt sie hier und jetzt. Es ist jene Liebe, jene Unterstützung, die die DFB-Spieler in Katar vermissen.

Omma weiß nicht wohin mit ihren Gefühlen. Also klatscht sie alles und jeden ab, das oder der greifbar ist. Wattenscheid hatte sich für einen aufopferungsvollen Kampf belohnt. Aus 1:4 wurde 4:4, mit zehn Mann gegen den Tabellenführer. Was für eine Mentalität. Diesen Punkt nimmt hier jeder mit. Fest halten sie ihn schon in den Händen, dann die 96. Minute, dann Scherder, dann Tor, dann Platzsturm der Preußen-Fans. „Scheiße“ ruft der, der auch Lewandowskis Tor verkündet hat. Jetzt drehen sich viele um. Ja, scheiße. Um nichts anderes geht es hier und jetzt. Aber sie gehen nicht, sie feiern ihre Helden mit dem verdienten Applaus. Nächste Woche Stadion am Zoo in Wuppertal, dann nochmal Heimspiel gegen RW Ahlen. Die Weltmeisterschaft läuft dann noch neun Tage, ob das jemanden interessiert? Die Bratwurst wird um Viertel nach fünf für einen Euro angeboten, man hatte sich am Grill etwas übernommen. Der Fan greift gerne zu. Dann Weihnachtsmarkt. Oder Bermuda-Dreieck.

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