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Interview mit Epidemiologe Stöhr: „Ende der Pandemie ist politische Entscheidung“

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Eigentlich ist es für den Epidemiologen Klaus Stöhr nur noch eine politische Frage, wann die Corona-Pandemie zu Ende ist. Ein Problem sieht er aber darin, dass noch viele vulnerable Menschen nicht ausreichend geimpft sind – und das gelte vor allem auch für andere Infektionskrankheiten, sagt er im Interview mit ntv.de.

ntv.de: Warum ist die Corona-Herbstwelle so schnell zusammengebrochen?

Klaus Stöhr: Genau wie bei den vorangegangenen Corona-Wellen kommt es zu einer Sättigung in der Bevölkerung, die Anzahl der empfänglichen Personen nimmt rapide ab. Dadurch wiederum nimmt die Anzahl der Fälle ab und die Welle bricht zusammen, da einfach nicht mehr genügend Empfängliche da sind. Nach einer gewissen Zeit kommt es dann wieder zu einer Durchmischung der Population und es geht von vorne los. Im Verlauf der Pandemie werden die Wellen immer niedriger und irgendwann wird es eine ganz normale saisonale Zunahme im Winter geben und im Sommer eine Zirkulation auf geringem Niveau.

Wird es in diesem Winter nochmal schwierig werden?

Natürlich wird in diesem Winter die Anzahl der Corona-Fälle wieder zunehmen – genau wie die der anderen Atemwegserkrankungen in jedem Jahr. In diesem Jahr – anders als im nächsten Jahr – wird allerdings die Bedeutung von Corona trotz der guten Immunitätslage und der relativ geringen Krankheitslast etwas höher sein. Das liegt daran, dass es immer noch einige Personen gibt, die sich noch gar nicht infiziert hatten oder noch nicht geimpft sind oder auch nur einmal infiziert waren. Dadurch wird es nicht nur eine saisonale, sondern auch eine überproportionale Zunahme geben.

Welche Rolle spielen Grippe und RSV?

Es wird eine Herbstwelle geben, aber nicht allein durch Corona – es wird unter Umständen eine untergeordnete Rolle spielen. Derzeit zirkulieren mehr Influenzaviren, sogenannte Rhino- und Metapneumoviren, die stärker als Coronaviren dazu beitragen, dass viele Leute in die Krankenhäuser und auf die Intensivstationen kommen.

Geht von China eine Gefahr aus? Schließlich gibt es dort sehr viele Menschen ohne Corona-Impfung oder -Infektion.

Global ist es nur ein wirtschaftliches Problem, dass China eine strikte Null-Covid-Strategie fährt. Aber für die chinesische Bevölkerung ist es natürlich so, dass die Corona-Welle dort noch durchrollen muss. Eine Pandemie hört erst dann auf, wenn alle Menschen immun sind – durch Impfung und Infektion oder nur die Infektion. Das steht China noch bevor, aber auf uns hat das außer den wirtschaftlichen keine gesundheitlichen Auswirkungen.

Manche befürchten, dass dort eine neue Variante entstehen könnte, die uns Probleme bereitet.

Genau das Gegenteil. Neue Varianten entstehen durch Selektion beziehungsweise Immunflucht. Neue Varianten entstehen dort, wo schon viele Menschen immun sind. Und das ist nicht in China, sondern im Rest der Welt der Fall. Die Leute, die immer wieder sagen, dort, wo es viele Infektionen gibt, entstehen neue Varianten, haben keine Ahnung von der Genese von Selektiv-Varianten.

Egal ob Corona, Influenza oder RSV, welche Maßnahmen sind diesen Winter nötig?

Die Maßnahmen, die vor der Pandemie gegolten haben, werden auch danach entscheidend sein. Ob man also in den Krankenhäusern, in der stationären und mobilen Krankenpflege Hygienekonzepte hat. Dass Menschen, die positiv auf eine Infektionskrankheit getestet werden, – das kann Corona, aber auch Influenza, RSV oder Tuberkulose sein – beispielsweise in Einzelzimmern untergebracht werden, dass das Pflegepersonal Maske trägt, sich die Hände wäscht, um die Infektion nicht weiterzuverbreiten.

Die wichtigste Maßnahme, die die Krankheitslast reduzieren kann, ist die Impfung der vulnerablen Gruppen. Das ist entscheidend. Alles andere sind nur kosmetische Möglichkeiten, noch etwas zu verändern. Das Virus zirkuliert in einer Population, Bekämpfungsmaßnahmen ändern daran nichts. Geimpfte, Ungeimpfte, Genesene und nicht Genesene, symptomatische und asymptomatische Personen sind potenzielle Virusträger. Daran ändert eine Quarantäne und auch das selektive Maskentragen im Zug in den drei Stunden in der Woche, in denen man darin sitzt, nichts, wenn man den Rest der Zeit im Restaurant, in der Bar, im Kino oder überall sonst keine Maske trägt.

Also nochmal: Wichtig sind Hygienekonzepte in Krankenhäusern und Pflegestationen et cetera und die Impfung der Vulnerablen.

Ergibt es denn nicht trotzdem Sinn, durch Masken Krankenhäuser, Verwaltung oder auch Unternehmen vor einer Überlastung durch zu viele Infizierte auf einmal zu entlasten?

Dabei handelt es sich um einen Nachholeffekt. Man könnte natürlich tatsächlich durch Maskentragen, Desinfektion, Abstand halten, die Personalnot etwas reduzieren. Aber nochmal: Dabei geht es nicht um Corona, sondern um Atemwegserkrankungen. Die Influenza ist gegenwärtig am häufigsten. Die kann man mit Masken auch ein bisschen reduzieren, die Spitzen etwas abfangen. Hauptinfektionsquelle und -ort ist aber die Familie, zu Hause infiziert man sich am häufigsten.

Als Nächstes kommt tatsächlich die Arbeit, das ist keine Frage. Da heißt es jetzt nicht Augen zu und durch, sondern, so gut wie möglich, diesen Nachholeffekt durchzustehen. Man merkt jetzt, dass genau das passiert, was wir gesagt haben: Wenn man sich nicht regulär ab und zu mal mit dem Erreger infiziert, wird die Infektion, die man nach hinten schiebt, nur schwerer werden.

Ist zusammengefasst der beste Weg raus aus der Pandemie also Infektionen nach Impfungen?

Ich würde es so sagen: Der Weg, der nicht vermeidbar ist, ist die Infektion. Und das, was man proaktiv machen kann, um die Folgen zu minimieren, ist die Impfung. Also die Reihenfolge ist dann schon, sich erst impfen zu lassen, wenn man vulnerabel ist und dann kommt die unvermeidbare Infektion. Die Datenlage aus Studien ist da relativ klar: Das ist die Kombination, die den längsten und größten Schutz bringt. Wie gesagt, der Weg für alle Vulnerablen ist, sich impfen zu lassen.

Wann ist die Corona-Pandemie endgültig zu Ende?

Das ist eine politische Entscheidung. Warum? Das europäische Umfeld hat ähnliche Bedingungen und das gleiche Virus, aber die politischen Entscheidungen, wie man dort mit der Pandemie umgeht oder nicht mehr umgeht, laufen diametral entgegen dem, was man in Deutschland sieht. Also wie man das Risiko einschätzt, wie man glaubt, die Gesellschaft am besten zum Ende der Pandemie zu führen.

Ich als Experte auf diesem Gebiet würde sagen, wenn die Krankheitslast und die Immunitätslage von Corona der anderer Atemwegserkrankungen gleicht, und wenn das Veränderungspotenzial des Virus nicht sehr hoch ist, ist die Endemie erreicht. Aber da es eben doch noch einige Ältere gibt, die sich noch nicht haben impfen lassen und etliche Menschen sich noch nicht ein- oder zweimal infiziert haben, wird es in diesem Winter nochmal ein bisschen heftiger werden.

Mit Klaus Stöhr sprach Klaus Wedekind

Lesen Sie hier den vollständigen Artikel.
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