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Angriffe auf die Ukraine: Russland bombt schon für den nächsten Winter

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Dass das ukrainische Stromnetz den Winter trotz ständiger Raketenangriffe der Russen überstehen konnte, gilt in der Ukraine als kleines Energiewunder. Auch jetzt, wo die Temperaturen steigen, gehen die Bombardierungen weiter. „Der nächste Winter ist näher als man denkt“, sagt ein Experte.

Die Stromversorgung bleibt für die Ukraine ein Problem, aber immerhin hat sie den Winter überstanden. Nachdem es zwischen Ende Februar und Anfang März für ein paar Wochen so gewirkt hatte, als habe Russland seine Angriffe auf die ukrainische Energieversorgung aufgegeben, fand am 9. März ein weiterer Massenbeschuss statt – mit insgesamt 81 Raketen einer der größten überhaupt. Vorher hat die Ukraine 25 Tage fast ohne Stromausfälle erlebt – etwas, was noch im Dezember unmöglich erschienen war, als es im besten Fall planmäßige Stromausfälle gab, auf die man sich einstellen konnte. Gleich nach solchen Angriffen wie dem vom 9. März blieben damals ganze Großstädte für mehrere Tage ohne Strom, Wasser und Heizung.

Natürlich hatte auch der neue Angriff Folgen für die ukrainische Energieversorgung. In der ostukrainischen Großstadt Charkiw, die vorerst komplett ohne Elektrizität auskommen musste, ist die Lage immer noch schwierig. In Regionen wie Kiew, Odessa und Schytomyr kann es sporadisch zu Stromknappheiten kommen. In Kiew fielen auch Heizungen aus. Doch obwohl Russland mehr moderne Raketen als üblich einsetzte, die von der ukrainischen Flugabwehr nicht abgefangen können, sind die Folgen des Angriffs überschaubarer als erwartet.

Angesichts des beginnenden Frühlings und der steigenden Temperaturen ist es nun nahezu ausgeschlossen, dass die ukrainische Stromversorgung zeitnah kollabiert. Zumindest diesen Winter konnte das Energiesystem überstehen. Umso überraschter waren selbst ukrainische Energieexperten, dass die Russen ihre Taktik doch nicht wie erwartet veränderten und bei Angriffen auf Wärmekraftwerke oder Umspannwerke blieben. „Ich dachte auch, die hätten das gelassen“, sagt Andrian Prokip, Direktor des Energieprogramms des Ukrainischen Zukunftsinstituts in Kiew. „Nach Kriegsausbruch haben sie ja bereits systematische Angriffe auf Fernsehtürme aufgegeben, die überhaupt nicht effektiv waren. Ich war daher in der Nacht auf den 9. März recht überrascht, dass sie das Ding weiterziehen.“

Wie das Wunder möglich war

Dass das ukrainische Stromnetz den Winter trotz ständiger Angriffe überstehen konnte, gilt in der Ukraine als kleines Energiewunder. Wie war das möglich? „Zunächst: Unser Stromverbrauch ist nicht der von vor zwei Jahren. Denn Millionen haben das Land verlassen, viele Betriebe stehen still. Das ist der seltene Fall, bei dem sowas einen Vorteil bringt“, erklärt Prokip. „Grundsätzlich gibt es aber drei Gründe: eine deutliche Verbesserung der Flugabwehr im Vergleich zu den ersten Angriffen dank der westlichen Lieferungen, das recht warme Winter und die sehr durchdachte Arbeit der Energiebetreiber. Sie haben Teile des Systems immer wieder rechtzeitig abgeschaltet, um einen größeren Schaden zu vermeiden. Das spielte eine enorme Rolle.“ Die Mitarbeiter der Energieunternehmen müssten laut Prokip auch allein dafür gelobt werden, dass sie unter russischem Beschuss ihr Leben riskierten. „Bei so gut wie jedem Angriff gab es tote Mitarbeiter der Energiebetreiber.“

Außerdem wurde im Dezember und im Januar eine Grundlage gelegt: Ersatzleitungen, die jahrelang nicht benutzt wurden, wurden stark erneuert und mit stärkeren Transformatoren ausgestattet. Dadurch wurde ihre Durchlassfähigkeit deutlich vergrößert, was den Energiebetreibern einen größeren Zeitraum bei der Reparatur der Hauptleitungen lässt, ohne dass neue Stromdefizite im System entstehen. Tief im Winter spielte auch der begonnene Stromimport aus der EU eine Entlastungsrolle: Der EU-Strom ist zwar deutlich teurer, viele Betriebe haben sich jedoch gezielt dafür entschieden, um normal funktionieren zu können. „Stromimport ist jetzt fast kein Faktor mehr, doch er war wichtig, auch wenn nicht überwichtig“, meint Prokip, der auch Senior Associate des Kennan Institute ist.

„Der nächste Winter ist näher als man denkt“

Der Schaden für die ukrainische Energieinfrastruktur bleibt trotzdem enorm – und es ist Experten wie Andrian Prokip bewusst, dass das Energiewunder der Ukraine nicht zuletzt deswegen zustande kommen konnte, weil ukrainische Unternehmen immer weniger produzieren, auch allein der schwierigen Wirtschaftslage wegen. Darüber hinaus kommt es durch aktuelle Improvisation oft zu Belastungen, die dann auch zu Betriebsunfällen führen können. Neulich war das in Odessa der Fall, das abgesehen von den frontnahen Regionen neben Kiew am meisten unter der Stromkrise gelitten hat.

Doch es bleibt die große Frage, welchen Sinn die Fortsetzung der Angriffe auf Energieinfrastruktur für Russland hat, wenn die Ukraine es bereits durch den Winter schaffte. „Das russische Spiel ist lang. Der nächste Winter ist auch näher als man denkt. Sie wollen nach und nach alle wichtigen Infrastrukturen zerstören, damit es irgendwann keine Möglichkeit mehr gibt, Energie zu erzeugen“, sagt Militäranalyst Stanislaw Besuschko, der aktuell selbst in der Armee dient. Prokip verweist darauf, dass ein vermehrter Einsatz der Klimaanlagen zwar auch im Sommer zu gewissen Überlastungen und Stromknappheiten führen kann – wirklich bedeutend wären diese aber nicht.

Russland scheint Aufklärungsprobleme zu haben

Klar ist: Für die ukrainische Wirtschaft war es schon ein schwerer Schlag, dass sie wegen der russischen Angriffe keinen Strom in die EU exportieren kann. Darauf hatte die Regierung in Kiew gehofft, um einige Defizite im Haushalt wettzumachen. Dass die Ukraine und ihre Partner Millionen für die Erneuerung der Energieinfrastruktur statt für Waffen ausgeben müssen, ist ebenfalls offensichtlich. Und dass die Ukraine ihre Flugabwehrsysteme im ganzen Land verteilen muss, statt sie an der Front einzusetzen, gehört zur Strategie hinter der Kriegsführung der Russen – ebenfalls wie die Ausschöpfung der Reserven der ukrainischen Flugabwehr, die wie vieles andere noch nicht in Sicht ist. Die Frage ist trotzdem, ob es effektiv ist, Raketen gerade gegen Energieobjekte und nicht gegen andere Ziele einzusetzen. Mit Blick auf Militärobjekte scheint Russland aber Aufklärungsprobleme zu haben.

Denn Russland legt offensichtlich einen großen Wert darauf, vor allem Werke anzugreifen, die ukrainische Militärtechnik reparieren, oder die ukrainische Bahn, mit der Waffen und Soldaten transportiert werden. Natürlich erschweren diese Angriffe beide Aufgaben für die Ukraine, doch der erzeugte Effekt ist gering. „Die Reparatur der Technik ist natürlich die Priorität Nummer eins für die Ukraine. Und es wurden im Winter so viele Generatoren ins Land gebracht. Es ist selbst im schlimmsten Fall kein unlösbares Problem, zumal die Einfuhr des Benzins aus der EU reibungslos funktioniert“, kommentiert Andrian Prokip. Die ukrainische Bahn ist dagegen mit Dieselloks ausreichend versorgt. Bisher gab es kein Anzeichen dafür, dass ihre Lahmlegung realistisch wäre.

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