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Aus der Schmoll-Ecke: Der Kreuzberg heißt bald Alle-Religionen-Berg

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Die Christen – nicht nur die Kolonialisten – sind schuld an allem Übel dieser Welt. Deshalb müssen wir uns (selbst) geißeln. Wir haben gesündigt. Kollektiv. Hoffen wir also, dass beim G7-Innenministertreffen im Kloster Eberbach keine Kreuze blöd in der Gegend rumstehen. Nicht dass dort jemand den Märtyrertod stirbt.

Geschätzte Leser innen und außen sowie dazwischen, also jener Zone zwischen Leben und Tod, Aufbruch und Resignation, Freude und Frust, Licht und Dunkel, Froh- und Wahnsinn, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie. Die gute zuerst: Wir leben. Die schlechte lautet: nicht mehr lange. Denn bald ist alles vorbei. Sie naht, die Klimakatastrophe, mit Milliarden Flüchtlingen und/oder Toten, unaufhaltsam, auch die Stau bildenden Kleber können sie nicht aufhalten. Noch nicht mal ich schaffe es. Deshalb klebe ich mich nirgendwo fest. Es wäre schade um meinen Van Gogh. (Kleiner Scherz. Ich besitze keinen.)

Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit lautet: Ich habe eine Klebrig-Phobie. Schon als Kind habe ich auf Eis verzichtet, wenn mir niemand garantieren konnte, dass ich meine Hände unmittelbar nach Verzehr der Süßware waschen konnte. Das ist bis heute so und passt zu meinen sonstigen psychosozialen Macken. Und würde ich mich festkleben, dann an ein Dirigentenpult, um auf die Einsparungen in der Kultur aufmerksam zu machen. Oder an eine Pfandrückgabe-Maschine, um dagegen zu protestieren, dass viele Rentner Flaschen sammeln, weil sie nach einem langen Arbeitsleben auf Bürgergeld angewiesen sind. (Hartz IV darf man nicht mehr sagen.)

Ich bin kein Aktivist, sondern warte lieber seelenruhig daheim auf den Weltuntergang, wie sich das für meine Generation gehört, die der Erde den ganzen Schlamassel eingebrockt hat. Lasst doch die Wissenschaftler warnen! Ich verweise zudem auf meine körperlichen Gebrechen: Meine Hüfte hat einen Defekt, der Boden einer Autobahn ist mir zu hart, das halte ich nicht aus. Außerdem mangelt es mir an Zeit, als Kleber tätig zu werden: Ich arbeite inzwischen fast nur noch sechs oder sieben Tage die Woche, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Das ist keine Jammerei, sondern eine Tatsachenbeschreibung. Da ich bedauerlicherweise aus der Ostzone stamme, habe ich nichts geerbt von meinen Eltern, keine Immobilie, kein Geld, noch nicht mal einen Van Gogh, nur von meiner Mutter ein Kreuz mit Jesus dran, der mich, einen Atheisten, täglich daran erinnert, was Menschen sich antun und aushalten können – und dass alles auf der Welt vergänglich ist. Außer eben Gott.

Sünden rächen sich leider

„Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Amen“, sagte Martin Luther 1521 auf dem Reichstag zu Worms. „Ich sitze hier auf der Straße, weil ich nicht anders kann“, erklärt Antonia, eine Landwirtschaftsgesellin, die zur allerallerletzten Generation gehört und momentan keine Felder, sondern Straßen beackert und ab und an dafür Früchte des Zorns erntet. Antonia und Martin sind geeint im Geiste und religiösen Eifer, die Welt vor der Apokalypse und anderen Fehlentwicklungen zu retten. Antonia reichen CO2-Zertifikate nicht, das ist nur billiger Ablasshandel.

Sie, geschätzte Leserinnen und Leser des Bildungsbürgertums, an das ich mich alle zwei Wochen hier an dieser Stelle richte, bevor es ausstirbt, wissen, dass katholische Sünder seit einigen Jahrhunderten die Möglichkeit haben, die Zeit im Fegefeuer zu verkürzen, wenn sie an einem Kreuzzug teilnehmen und/oder nach Rom pilgern und danach auch noch Kohle abdrücken. Diese Praxis verursachte gewisse Kollateralschäden, die bis heute Wirkung entfalten. Den Dschihad würde es ohne die – zum Glück aus der Mode gekommenen – Kreuzzüge vermutlich nicht in der mörderischen Form geben, wie wir ihn kennen.

Jaja, die Christen – nicht nur die Kolonialisten – tragen Schuld an allem Übel dieser Welt. Deshalb müssen wir uns (selbst) geißeln. Wir haben gesündigt. Kollektiv. Daher rufe ich aus: Lasst uns erst die Mohrenstraße in People-of-Color-Straße und danach den Kreuzberg in Alle-Religionen-Berg umbenennen. Dann ist endlich auch Claudia Roth zufrieden, die Kämpferin gegen die christliche „Dominanzkultur“ und Bibel-Inschriften auf Kuppeln irgendwelcher ahistorischer und sinnentleerter Stadtschlossnachbauten. Hauptsache, der längst verstorbene Kaiser kann seinen „allein von Gott abgeleiteten Herrschaftsanspruch“ nicht mehr untermauern. Wehret den Anfängen! Falls jemand vorhat, das deutsche Kaiserreich wiederherzustellen.

Ein Kreuz des Anstoßes?

Lesen Sie noch? Haben Sie es bis hierher geschafft? Glückwunsch! Dann zurück zum Thema, wobei bekanntlich alles mit allem zusammenhängt. Luther fand es falsch, dass Sünden durch Ablass getilgt werden können: Kohle machen schadet der Menschheit, Kohle der Umwelt. Wie Sie sehen, dreht sich seit Jahrhunderten alles im Kreis. Fortschritt, Rückschritt, Fortschritt, Rückschritt. Trotzdem ging es irgendwie dann doch immer voran, der Mensch schaffte es auch oder gerade nach schlimmsten Verwüstungen, eine bessere Welt zu kreieren, wobei „besser“ relativ ist.

Es klingt zynisch, entspricht jedoch der Realität: Die politischen Ordnungen bis ins Heute sind – sehen wir von der Wende 1989 mit Ausnahme Rumäniens ab – Resultate militärischer Auseinandersetzungen, Revolutionen und Kriege. Der Dreißigjährige Krieg zwischen 1618 und 1648 ruinierte weite Teile Europas. Aber am Ende stand ein epochales Abkommen: Der Vertrag von Münster und Osnabrück regelte insbesondere das Zusammenleben von Katholiken und Protestanten. Der Friedensschluss hält bis heute und ist nicht in Gefahr. Undenkbar, dass ein Katholik einem Protestanten (oder umgekehrt) den Schädel einhaut, weil er nicht konvertiert.

Ungeachtet dessen ließ das Ministerium der Heiligen Annalena in vorauseilendem Gehorsam ein Kreuz aus dem Saal entfernen, in dem der Westfälische Frieden besiegelt worden war, damit sich die G7-Außenminister dort treffen können. Das hatte natürlich nichts mit dem zu tun, was Frau Roth und andere Grüne so denken, sondern war rein organisatorischer Natur. Ein Sprecher der Heiligen Annalena sprach: „Da muss natürlich ein anderer Tisch rein, da muss eine andere Beleuchtung rein, da wurden andere Teppiche reingelegt.“ Meint: Niemand sollte über das Kreuz stolpern. Dann hoffen wir, dass beim G7-Innenministertreffen im Kloster Eberbach im hessischen Eltville keine Kreuze blöd in der Gegend rumstehen. Nicht, dass dort jemand den Märtyrertod stirbt.

Damit sind wir wieder bei der allerallerletzten Generation, einem Zusammenschluss von Märtyrern, die zwar nicht den Tod erdulden, aber für ihren Glauben in den Knast gehen. „Wenn das Gericht meint, dass es gerechtfertigt ist, mich dafür zu verurteilen, dass ich meiner Tochter eine lebenswerte Zukunft ermöglichen will, nehme ich das hin“, verkündet die tapfere Sonja. Weinerlichkeit und das Einnehmen der Opferrolle sind der Markenkern der allerallerletzten Generation.

Ein Kämpfer gegen die Apokalypse twitterte neulich zur Besetzung des Porsche-Showrooms in der Autostadt Wolfsburg: „Inzwischen sind Licht und Heizung ausgestellt worden. Auch Schüsseln für dringende Bedürfnisse wurden nicht zur Verfügung gestellt. Euer Ernst, VW?“ Sich irgendwo festkleben, fremdes Eigentum beschädigen und dann heulen, dass die Geschädigten nicht heizen und keine Eimer zum Pinkeln vorbeibringen – das muss man erst einmal fertigbringen! Aber wir wissen ja: Sie sitzen da, sie können nicht anders. Amen.

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